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Mord und Totschlag im Tenn

Ein Krimi im Emmental des 19. Jahrhunderts. «Keinen Seufzer wert» der Berner Autorin Barbara Lutz beruht auf Tatsachen.

Barbara Lutz' Krimi handelt in einem Emmentaler Bauernhaus (Symbolbild).
Barbara Lutz' Krimi handelt in einem Emmentaler Bauernhaus (Symbolbild).
Keystone

Man fühlt sich wie der Zeitmaschine entstiegen: ein Hof ohne fliessendes Wasser, eine dreckige Küche und ein geiziger Bauer. Das findet die Familie Wyssler beim Einzug in Res Schlatters Hof vor, der ihnen auf dem Schafberg – so heisst sein Hof – ein Logis vermietet. Die Geschichte wird immer wieder unterbrochen durch Erkenntnisse einer richterlichen Untersuchung von 1861. Im Februar besagten Jahres ereignete sich nämlich ein Mord auf dem Schafberg.

Eine Menge Probleme

Barbara Lutz schafft mit bewusst hölzerner, der Zeit entsprechenden Sprache eine unheilschwangere Atmosphäre aus Armut, Geiz und Paranoia. Die Fühlbarkeit der Probleme von damals ist eindrücklich. Und davon gibt es genug: Der bigotte Res leidet ­vermutlich an Verfolgungswahn. Aus Angst, seine Mitbewohner würden ihn bestehlen, verschliesst er Schränke und Türen, manchmal hört er Stimmen im Kopf.

Dem gegenüber steht das Paar Verena – mit über 40 erneut schwanger – und Jakob Wyssler, dem es finanziell an allen Enden fehlt, das aber trotzdem gern genüsslich lebt. So verdrückt Jakob Wyssler gern mal ein ganzes Brot allein und vergisst dabei seine Kinder. Wysslers älteste Tochter Annelies ist pflichtbewusster als ihre Eltern und hält diese für nicht tüchtig genug.

Krimi der Vergangenheit

Im Beziehungsnetz, das sich zwischen der Familie Wyssler, Res Schlatter und Knechten aus der Gegend aufspannt, zwickt es überall, die Spannung steigt. Barbara Lutz hat für jeden Charakter ein realistisches psychologisches Etikett herausgearbeitet: Jede Figur hat gute wie auch schlechte Seiten. So ist man mit Verena wütend über Jakob, der sich nicht gegen Res wehrt, als dieser ihre Möbel pfändet.

Man empört sich über Res, der sich oft willkürlich von mündlichen Vereinbarungen zurückzieht, hat aber gleichzeitig Mitleid mit dem knorrigen Mann, der zwar seine Macht unfair ausspielt, aber offenbar eine schwierige Kindheit hatte und sich von der etwas müssigen Familie erdrückt fühlt.

Was bleibt? Das Bewusstsein dafür, dass die Armut unter Bauern in der Schweiz früher viel verbreiteter war und was sie auslösen konnte. Und Dankbarkeit dafür, dass es heute anders ist.

Barbara Lutz:«Keinen Seufzer wert», Limmat, 240 Seiten.

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