Ode an den kleinen Musikclub

Popliteratur aus Thun: Mick Gurtners Zweitling «Horst und die letzte Nacht des Rock ’n’ Roll» ist eine Liebeserklärung an die Musik und die ewigen Verlierer.

<b>Skurril und liebevoll:</b> Die Café-Bar Mokka in Thun, der nun in einem Roman ein Denkmal gesetzt wurde.

Skurril und liebevoll: Die Café-Bar Mokka in Thun, der nun in einem Roman ein Denkmal gesetzt wurde.

(Bild: Keystone Peter Schneider)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Eines ist dieses Buch bestimmt nicht: langweilig. Auf gerade einmal 231 Buchseiten passiert so viel, dass einem fast schwindlig wird. Eine Katze bricht sich das Bein, ein Mann wird verlassen, findet eine Neue und dann doch wieder die Alte, ein Musikclub geht fast pleite, organisiert die Partynacht des Jahrzehnts, wird überschwemmt und überrannt und übertölpelt – und schafft es am Ende doch zu überleben.

Das ist stark verkürzt die Handlung von «Horst und die letzte Nacht des Rock ’n’ Roll». Geschrieben hat den Roman der Thuner Mick Gurtner, stellvertretender Chefredaktor des «Thuner Tagblatts» und freier Musikkritiker. Es ist sein zweiter Roman, der erste hiess schon «Horst». Das Buch ist ein Fortsetzungsroman, bei dem jeder Teil für sich steht.

Das Personal ist in beiden Büchern weitgehend dasselbe. Zum einen der Icherzähler Thom, ein melancholischer Musikfan, der seine Nächte im Musikclub Glory Box verbringt.

Zum anderen seine Hündin Horst, die ihm im ersten Buch zugelaufen war und nun zu Hause mit Kater Herr Herbst auf das Herrchen wartet. Denn das Frauchen, Anne, die Thom im ersten Teil kennen und lieben gelernt hatte, hat die drei verlassen. Und daran ist Thom ganz und gar nicht unschuldig, wie sich immer klarer zeigt.

The National und Pulp

Doch es kommt auch viel neues Personal ins Spiel: das ganze Team des Glory Box, wo Thom arbeitet. Der Club steckt tief in finanziellen Problemen – und ein Überraschungskonzert mit Superstar Jarvis Cocker von Pulp soll dies ändern.

Cocker ist nur ein grosser Musiker von vielen, die in diesem Buch vorkommen. Denn immer dann, wenn ein Song eine Situation noch betonen könnte, klingt er zufällig gerade aus den Lautsprechern oder aus dem Autoradio.

Ein Stimmungsverstärker. So singt Matt Berninger von The National «We’re half awake in a fake empire» (Wir sind halbwach in einem Scheinreich), als sich Thom und seine Kollegin Sophie eines frühen Morgens näherkommen, sich schliesslich küssen, bis Thom dann doch merkt, dass er noch zu sehr an seiner Ex-Freundin Anne hängt.

Ja, dieser etwas verpeilte Typ erinnert stark an andere Helden in ähnlichen Büchern. Auch «Element of Crime»-Sänger Sven Regener mag in seinen Romanen die Verlierertypen, die das Herz am rechten Fleck haben.

Oder Nick Hornby, der Popliterat schlechthin, dessen unheldenhafte Helden immer vom passenden Soundtrack begleitet werden. Nur dass Thom in den Dialogen eine Coolness  an den Tag legt, die irritiert.

So wird jedes Gespräch zum Slapstick, jeder Dialog zum Schlagabtausch – weil auch alle anderen Figuren nur pointiert und schlagfertig parieren. Das liest sich zwar leicht, aber auch eine Spur zu konstruiert. Und warum bloss fragt er ständig: «Wie meinen?», wenn er etwas nicht versteht?

Die Geschichte mit Nirvana

Genug gemäkelt. Denn was «Horst und die letzte Nacht des Rock ’n’ Roll» auch ist, ist eine Liebeserklärung an die kleinen Musikclubs. Solche, die viel Herzblut und Zeit aufwenden, um die Bands, die heute noch niemand kennt und von denen morgen alle sprechen werden, in die kleinen Städte zu bringen.

In «Horst» denkt man da vor allem an einen Club, das Thuner Mokka. Und sicher nicht zufällig ist das Buch auch dessen verstorbenem Gründer MC Anliker gewidmet. Er war es gewesen, der die unbekannten Nirvana einst nicht gebucht hatte, weil er sie zu schlecht fand. Eine in der Region viel erzählte Episode, die nun in einem Roman verewigt ist.

Mick Gurtner: «Horst und die letzte Nacht des Rock ’n’ Roll», Sage und Schreibe, 231 S. Vernissage: Do, 2. Mai, 20 Uhr, Café-Bar Mokka, Thun (nur noch Stehplatztickets an der Abendkasse).

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