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Pestalozzi-Kalender: Das Schweizer Original wird 100

Seit hundert Jahren gibt es den Pestalozzi-Kalender für Kinder - ein Phänomen, an dem sich die Entwicklung der Erziehungsideale in der Schweiz ablesen lässt.

«Anschauung ist das absolute Fundament aller Erkenntnis», schrieb Pestalozzi zuhanden aller Pädagogen - und inspirierte damit den Berner Kaufmann Bruno Kaiser dazu, eine Schüleragenda zu entwickeln, in der die grossen Männer der Geschichte vorgestellt wurden - zur Nachahmung empfohlen. Doch nicht nur belehren sollte der Pestalozzi-Kalender; als er 1908 zum ersten Mal erschien, erwähnte Bruno Kaiser auch die pädagogische Bedeutung der «Liebhabereien und Spiele, die ... dazu beitragen, dem Vaterlande eine gesunde, tüchtige und fröhliche Generation zu erziehen».

In den kleinen Büchlein brachte Kaiser in den folgenden Jahrzehnten neben Abbildungen von Kunstwerken, mit denen das Auge der Jugend sensibilisiert werden sollte, auch Rätsel und Spiele unter; ab 1914 gab es eine Ausgabe für Mädchen und eine für Jungen, damit ihnen geschlechtsspezifisches Wissen vermittelt werden konnte. Wie man zum Beispiel ein Windelhöschen näht, lässt sich im Pestalozzi-Kalender von 1919 lernen. Damals hatte die Schüleragenda bereits eine Auflage von über 100 000 erreicht, und Länder wie Holland, Dänemark, Deutschland und Frankreich kopierten die Idee. Bis in die 1970er-Jahre war der Pestalozzi-Kalender ein obligates Weihnachtsgeschenk für Schweizer Kinder; der Schriftsteller Lukas Hartmann erinnert sich, dass er jeweils «den Kalender und einen Fünfliber» geschenkt bekam.

«Einzigartiges Phänomen»

«Wenn man die Pestalozzi-Kalender aus hundert Jahren nebeneinander betrachtet, ergibt das einen schönen Spiegel der Erziehungsideale und ihrer Entwicklung», sagt der Literaturwissenschaftler Charles Linsmayer, der die Geschichte des Kalenders in einer Ausstellung in der Universitätsbibliothek Bern anschaulich dokumentiert hat. Gerade weil es sich um Gebrauchsliteratur handelt, die nicht für die Ewigkeit gemacht ist, zeigen sich die unreflektierten Vorstellungen über Kindheit und Erziehung umso deutlicher.

Linsmayer hält den Pestalozzi-Kalender für ein einzigartiges Phänomen, auch weil die Rolle und die Wahrnehmung der Kinder sich im 20. Jahrhundert völlig gewandelt hat; vom Objekt der Erziehung zum Subjekt mit eigenen Bedürfnissen: «Ich kenne kein vergleichbares Buch, das sich über eine so lange Zeit ständig den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen musste.»

Statt Philosophen Sepp Blatter

Und doch ist es nur einem Zufall zu verdanken, dass sich die Geschichte des Pestalozzi-Kalenders überhaupt noch erzählen lässt: als Linsmayer seinen Sohn vor bald zwanzig Jahren in die Schule begleitete, kam er an einer Mulde voller Bücher vorbei - lauter Pestalozzi-Kalender, von der Pro Juventute beim Räumen ihres Archivs entsorgt. Durch den strömenden Regen rettete Linsmayer, was er konnte.

Heute gibt es den Pestalozzi-Kalender immer noch. Auch wenn er, dank der witzigen und dynamischen Illustrationen von Anna Luchs, äusserlich kaum wiederzuerkennen ist, folgt er im Grunde doch den gleichen Prinzipien wie vor hundert Jahren: das handliche Buch bietet eine Kombination von Wissensvermittlung und Anregungen zum Spiel und auch die erwachsenen Vorbilder sind nicht ganz verschwunden - nur sind es nicht mehr Geistesgrössen wie Kant oder Newton, sondern Prominente wie Doris Leuthard und Joseph Blatter, die Briefe an die Redaktion schreiben. Die grössten Unterschiede liegen in der Art, wie die Kinder angesprochen werden, im Ton und im Stil. Es schauen nicht mehr die bedeutenden Erwachsenen auf die Kinder hinunter, sondern die Kinder selbst kommen zu Wort - wenigstens indirekt.

Fiktives Redaktionsteam von Kindern

Seit der ehemalige Lehrer Martin von Aesch, der sich mit den Schlieremer Chind einen Namen gemacht hat, den Pestalozzi-Kalender herausgibt, ist ein fiktives Redaktionsteam von Kindern für die Texte zuständig. Der Chef ist Kuku Holzer, bekannt als Protagonist von Martin von Aeschs erfolgreicher Kinderkrimireihe «Torgasse 12». So verbindet von Aesch die ursprüngliche Absicht des Unterhaltens und Belehrens mit dem zeitgemässen Ideal der Leseförderung durch Leselust - und ist im Begriff, ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Pestalozzi-Kalenders zu schreiben.

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