Punks haben keine Angst

Der Krimiautor Paul Ott arbeitet in seinem neuen Roman «Der Tote vom Zibelemärit» die Berner Punkjahre von 1977 bis 1981 auf.

Bücher und Musik: Paul Ott ist nicht nur Krimiautor, sondern war auch der Manager der ersten Berner Punkband Glueams. Foto: Beat Mathys

Bücher und Musik: Paul Ott ist nicht nur Krimiautor, sondern war auch der Manager der ersten Berner Punkband Glueams. Foto: Beat Mathys

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Paul Ott, sind Sie ein Punk? Prompt greift der Angesprochene zu einem Mäppchen mit Fotos, breitet sie auf dem Wohnzimmertisch aus, nickt und lächelt. Die Fotos zeigen: einen dünnen jungen Mann, feminin fast, die Haare lang, die Jeans zerrissen und eng. Früher war er einer, wenn er auch nicht ganz so aussah.

Keine andere Zeit, sagt Paul Ott, habe sein Leben mehr geprägt als die 1970er-Jahre in Bern – in der Punkszene. «Ich war schon etwas über zwanzig und war mir bewusst, dass das die letzte Gelegenheit sein würde, bei so etwas Grossem dabei zu sein – bei einer weltweiten Jugendbewegung.»

Vor allem die Selfmade-Mentalität der Szene hat ihn nie mehr losgelassen: Das Gefühl, dass man alles selber machen kann. «Ich habe die Dinge ein Leben lang immer gleich angepackt. Nach der Zeit als Punk hatte ich nie mehr vor etwas Angst.»


Auch die legendäre Berner Band Grauzone befindet sich derzeit auf Zeitreise in die Geschichte des Punk: Stefan Eicher legt ihre Platten neu auf. Den Anfang macht «Eisbär», die Erkennungsmelodie einer Generation.


Bücher, Platten, Bücher

Heute trägt Paul Ott ein dunkles Hemd, eine Bügelfaltenhose, ist nicht mehr ganz so schlank und das weisse Haar schon etwas licht. Er ist 64 Jahre alt, ledig und geniesst die Frühpension. In seiner Wohnung im Berner Breitenrainquartier ist es etwas dunkel zwischen all den Büchern, Schallplatten, Ordnern und nochmals Büchern. Geboren am Bodensee, ist er 1974 nach Bern gezogen, um hier Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren, später wurde er Gymnasiallehrer.

Kurz nach dem Studium war er eine Weile arbeitslos und schrieb seinen ersten Krimi, der 1987 herauskam. Heute hat er unter dem Pseudonym Paul Lascaux mehr als ein Dutzend verfasst. Er hat kulturelle Veranstaltungen aller Art organisiert und das Krimifestival Mordstage ins Leben gerufen, wofür er 2011 den Spezialpreis der Literaturkommission der Stadt Bern erhielt.

Seine Krimis haben schon von allerhand gehandelt. Von Regionen und ihren Speisen. Von historischen Ereignissen, die in die Gegenwart hineinwirken. Nun hat er sein Leben in der Berner Punkszene zum Stoff für seinen jüngsten Krimi «Der Tote vom Zibelemärit» gemacht.

«Nach der Zeit als Punk hatte ich nie mehr vor etwas Angst.» Paul Ott alias Paul Lascaux, Krimiautor

«Ich hatte immer schon gern Musik», sagt Ott. «Dann wurde die Rock- und Popmusik aber so bombastisch. Plötzlich ging es nur noch um symphonische Kompositionen.» Das sei ihm zu langweilig gewesen. «Punk war dann so eine Art Rock-’n’-Roll-Aufschrei.» Das erste Mal Punk gehört hat er 1976 in Zürich.

«Das war so ein Protopunk-Konzert. Ich glaube, es war die Zürcher Band Troppo.» Ab da reiste er jedes Jahr zwei-, dreimal für zwei Wochen nach London. Dort ging er jeden Abend an Konzerte, streifte tagsüber durch die Plattenläden und kam mit Koffern voller neuer Musik zurück nach Bern.

Ein Instrument gespielt hat Paul Ott nie. Dafür hat er über Musik geschrieben – leidenschaftlich. Sogenannte Fanzines hat er produziert, selber geschrieben, gestaltet, gedruckt und verkauft – für einen Franken in den Berner Beizen.

Er organisierte Partys, an denen er aus London Mitgebrachtes abspielte. Später wurde er Manager der ersten Berner Punkband Glueams mit Marco Repetto, Christian «GT» Trüssel und phasenweise mit Martin Eicher, aus der später auch Grauzone entstand. Jene legendäre Gruppe, die es mit dem Hit «Eisbär» zu Weltruhm brachte und der gerade wieder erschienen ist (siehe Text unten).

Tod eines Alt-Punks

Es war nicht nur die Musik, sondern das ganze Lebensgefühl, dem Paul Ott verfiel. Wenn er von dieser Zeit erzählt, bleibt er sehr unaufgeregt, und doch blitzt Stolz in seinem Blick auf. Eine wahnsinnige Lebensfreude beschreibt er, eine Zeit, in der es nur um die Gegenwart, um das Aufbrechen von Strukturen ging, aber auch um das Zusammen­gehörigkeitsgefühl, darum, dass man Teil eines Ganzen war und überall auf der Welt Gleichgesinnte treffen konnte.

All das steht, wenn auch etwas versteckt, da auf mehrere Protagonisten verteilt, in Otts neuem Krimi. Die Fehlzündung eines Feuerwerks führt zum Tod eines Mannes, der einst Teil der Berner Punkszene war. Der Fall führt die Detektei Müller & Himmel in die Vergangenheit. Man merkt es dem Roman an, dass Ott, was die Stimmungen und die Milieus angeht, nichts erfinden musste.

Er schreibt über den ersten Berner Punk-Hotspot, das Tea-Room Flamingo an der Herrengasse, über Konzerte und Partys im illegalen Club Spex am Bubenbergplatz, über Demos, über das alternative Jugendzentrum in einem besetzten Haus an der Taubenstrasse, über die Reithalle, über subversive Wohngemeinschaften und RAF-Mitglieder als Mitbewohner. Er lässt sogar den immer noch aktiven Grauzone-Schlagzeuger Marco Repetto auftreten.

Doch vor allem ein Thema schimmert unter der Oberfläche des Krimis. Dass die Polizei Spitzel in die Szene eingeschleust hatte, aus Angst vor linkem Terror. «Diese Ahnung war immer da, ja», sagt Paul Ott. Er kann persönlich zwar von keinen direkten Konsequenzen berichten, weiss aber, dass es andere später nicht leicht hatten, etwa bei der Jobsuche. Allzu viel zu recherchieren hatte Paul Ott nicht.

Er konnte seine Tagebücher, Tausende von eigenen Fotografien und die Fanzines von damals durchgehen. Zeitlich endet das Buch 1981, als das AJZ in der Reitschule zum ersten Mal geschlossen wurde. Die Geschichte in Bern ging weiter. Sie steht unter anderem in drei Ordnern in Paul Otts Keller geschrieben. Und bald in einem weiteren Krimi.

Paul Lascaux: «Der Tote vom Zibelemärit», Gmeiner-Verlag, 250 Seiten. Buchvernissage mit Musik zum Text: 23. Mai, ab 18 Uhr,Galerie Art+Vision, Bern.

Berner Zeitung

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