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Raus aus Rione

400 000 Exemplare von Elena Ferrantes neapolitanischem Epos hat der Verlag bislang ausgeliefert. Der zweite Band «Die Geschichte eines neuen Namens» führt das Ringen um Selbstbehauptung zweier Freundinnen in eine neue Runde.

Elena Ferrante spiegelt in ihrem neapolitanischen Romanzyklus sechzig Jahre Zeitgeschichte in einer weiblichen Perspektive.
Elena Ferrante spiegelt in ihrem neapolitanischen Romanzyklus sechzig Jahre Zeitgeschichte in einer weiblichen Perspektive.
Getty Images

«Signora Carracci hier» – so meldet sich Lina am Telefon. Es ist bezeichnend: Sie sagt nicht ihren Mädchennamen «Lina» oder «Lina Cerullo». Sie sagt diese «neue Zauberformel». Und genauso bezeichnend ist das Telefon – denn die meisten Leute im neapolitanischen Rione der 1960er-Jahre haben keines. Mit gerade einmal sechzehn Jahren hat Lina geheiratet. Und sie hat eine gute Partie gemacht.

Das rauschende Hochzeitsfest mit dem zu Geld gekommenen Lebensmittelhändler Stefano beschloss den ersten Band von Elena Ferrantes neapolitanischer Tetralogie. Allerdings liess die Autorin das Buch auch mit unheilvollen Tönen ausklingen. Die der Camorra nahestehenden Solara-Brüder waren in die Festgesellschaft geplatzt.

Und an den Füssen des einen blitzen von Lina gefertigte Schuhe. Es war Hochverrat. Denn Lina hatte sich in die Entwicklung einer Schuhkollektion gestürzt, als ihr Vater ihr verboten hatte, eine höhere Schule zu besuchen. Und mit der Unterstützung ihres Schuhprojekts hatte Stefano sie gewonnen.

Verlockende Statussymbole

«Die Geschichte eines neuen Namens» heisst der zweite Band von Ferrantes Neapel-Epos – doch die Ausgangslage macht klar: Das neue Leben von Lina als Signora Carracci steht von Anfang an unter einem schlechten Stern. Es fragt sich nur, wie die schöne, hochintelligente, rebellische Lina dieses Leben meistert. Und wie Lenù, Icherzählerin und Linas Freundin, sich dazu verhält.

Ihr hatten die Eltern erlaubt, weiterzulernen. Doch ohne Lina, der Lenù immer nachgeeifert hatte, macht das Lernen für sie wenig Sinn. Verlockender sind die Statussymbole der Sechzigerjahre: die Hochzeitsnacht und die Flitterwochen, die neue Wohnung ausserhalb des Armutsviertels, die grosse Sonnenbrille und das Kopftuch à la Kennedy – die allerdings ein blaues Auge und Blutergüsse verbergen.

Freundschaft im Zentrum

Mit ihrer Neapel-Tetralogie hat Elena Ferrante seit dem letzten Sommer einen fulminanten Erfolg hingelegt. In der Weihnachtswoche führte das Buch in der Schweiz wieder die Bestsellerliste an.

Und bislang hat der Verlag 400 000 Exemplare davon ausgeliefert. Eine gigantische Zahl. Dazu beigetragen haben dürfte die Diskussion um die Identität der Autorin, die unter einem Pseudonym schreibt, das ein italienischer Journalist im vergangenen Sommer aufgedeckt haben wollte. Doch das allein erklärt den Riesenerfolg nicht.

Beispiellos dagegen ist, wie Ferrante eine Frauenfreundschaft ins Zentrum ihres sich über vier Bände ziehenden Langstreckenromans stellt. Andere Freundschaften, Liebschaften, selbst Ehen oder familiäre oder berufliche Beziehungen kommen und gehen. Sie lassen als Echo im Hintergrund ein Epochengemälde aufleben, perlen aber wie vorübergehende Gegebenheiten an dieser Verbindung ab, die sich aus dem gemeinsamen Ringen um Selbstverwirklichung speist.

Beispiellos ist aber auch, wie präzis Ferrante nicht nur die beflügelnden, sondern vor allem die rivalisierenden und oftmals beschämenden Seiten dieser Freundschaft auffächert und darin hohes Identifikationspotenzial liefert. Ihre Protagonistin lässt sie im neuen Buch sagen: «Wie leicht es ist, ohne Lila von mir zu erzählen.» Drei Jahre ihrer Studienzeit handelt Lenù auf drei Seiten ab.

Mit Einbezug ihres von Zuneigung und Rivalität geprägten wechselvollen Verhältnisses zu Lina, die sie selber Lila nennt, benötigt sie dagegen über 600 Seiten, die einen unwiderstehlichen Sog entwickeln.

Das neue Buch beginnt mit einer Ungeheuerlichkeit, die gleichermassen abstösst wie sie in Bann zieht.

So beginnt auch das neue Buch mit einer Ungeheuerlichkeit, die gleichermassen abstösst wie sie in Bann zieht: Lenù erzählt, wie Lina ihr eine Schachtel mit Schreibheften übergibt, um sie bei ihr in Sicherheit zu wissen.

Und natürlich liest sie in den Texten, bis sie erkennt: «Ich hielt es nicht mehr aus, Lila an und in mir zu spüren.» Lenù, die zu diesem Zeitpunkt viel Ansehen geniesst und sich ein Leben ausserhalb Neapels geschaffen hat, stellt die Schachtel auf die Brüstung einer Brücke.

«Ich schob sie langsam von mir weg, bis sie in den Fluss fiel, als wäre sie Lila persönlich, die mit ihren Gedanken und ihren Worten hinunterstürzte; mit ihrer Bosheit, mit der sie jedem jeden Schlag heimzahlte; mit ihrer Art, sich meiner zu bemächtigen, wie sie es mit allen Menschen, Dingen, Ereignissen und Erkenntnissen tat.»

Kunst der Selbstbehauptung

So sind die Jugendjahre für Lenù auch der Versuch, sich von Lina zu emanzipieren. Sie zieht nach Pisa, und damit weitet sich das Hintergrundpanorama auf den italienischen Nord-Süd-Konflikt. Und Lenù publiziert einen Roman.

Die Selbstbehauptung im Schreiben ist nicht nur für die unter einem Pseudonym auftretende Autorin zentral. Sie ist auch eines der zentralen Themen des Buches. Selbst wenn Lenù heiraten sollte, ist für sie klar, dass sie ihren Autorennamen nicht anpassen wird.

Elena Ferrante: «Die Geschichte eines neuen Namens». Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp-Verlag, 624 Seiten.

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