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So schrecklich schön

Roman Der feine Strich, mit dem die Zürcherin Julia Weber ihren ersten Roman illustriert, macht auch ihre Sprache zum Erlebnis. Doch «Immer ist alles schön» erzählt auch das Unschöne.

Ohne Delete-Taste: Autorin Julia Weber an ihrer Schreibmaschine.
Ohne Delete-Taste: Autorin Julia Weber an ihrer Schreibmaschine.
zvg

Nicht alle Erstlinge sind Würfe unverdorbener Naturtalente. Über Julia Webers Romandebüt «Immer ist alles schön» schreibt deren Agentin an die Literaturredaktion: «Eine lange Entstehungsgeschichte ist nun zu Ende. Im Dezember 2011 habe ich Julia unter Vertrag genommen, nun haben wir Februar 2017. Aber es hat sich gelohnt, so lange daran zu arbeiten.»

Hat es sich gelohnt?

Sicher.

Eine Dichterin ohne Gedicht

Wer eintaucht in die Geschichte von Anais, Bruno und ihrer schönen Mutter, findet sich in einem ganz eigenen Kosmos wieder, so schrecklich und leuchtend wie ein Märchen. Und Märchen sind bekanntlich verdichtete Wirklichkeit. Julia Weber ist, obwohl sie Prosa schreibt, eine Dichterin. Sie arbeitet mit Bildern, die in den Köpfen ihrer kindlichen Protagonisten wuchern, und setzt ihnen als Kontrast den scharfkantigen Realismus entgegen, den die Welt der Erwachsenen verlangt.

«Ich wünsche mir einen Urlaub mit Feuer und Ferne, und Bruno wünscht sich einen Urlaub ohne Alkohol. Gut, sagt Mutter, weil ihr einen Geburtstag habt.» So beginnt der Roman. Der Urlaub findet statt, bei strömendem Regen auf einem Campingplatz. Erst ist es gemütlich, so eng beisammen zu dritt, doch dann überredet der Platzwart die Mutter zum Tanzen. Sie geht mit, lässt die Kinder zurück in der Nacht. Sie tanzt für die Männer, sie lacht und will gar nicht mehr aufhören, auch dann nicht, als Anais und Bruno auftauchen, um sie zu zurückzu­holen.

Eine Braut ohne Bräutigam

Was sich am Anfang an diesem Erlebnis zeigt, wiederholt sich in der Folge als Muster des Auseinanderbrechens – ein geschickter Aufbau. Beim Lesen geht es einem wie den Kindern, die mehr und mehr sich selbst überlassen bleiben, aber auch wie der Mutter, die in tiefe Depressionen stürzt, wenn sie nicht tanzen kann. In kursiv gesetzten Textteilen schlüpft man in die Haut der Mutter. Einer Braut ohne Bräutigam (sie heisst Maria!), der die Mutterschaft zustiess wie ein ­Unglück aus heiterem Himmel. «Kein Tier» wollte sie sein, schwanger mit Anais, «aber ich fühlte mich wie ein Tier. Mit dem Kind in mir, dachte ich, bin ich ein Muttertier.»

Rabenmutter würde der Volksmund Maria nennen. Doch so einfach ist es nicht. Die Autorin, 34 und selber Mutter, lässt sich nicht zu moralischen Urteilen verleiten: Sie macht die Ohnmacht auf beiden Seiten erlebbar.

Zwei Tierchen ohne Mutter

Ausgebildet am Literaturinstitut Biel, hat Julia Weber manchmal den Hang zum Pathos, zu diesen mit Bedeutsamkeit befrachteten Sätzen – ein Sound, der dem gelernten Hochschulschreiben oft ein wenig anhaftet. Doch man kann sich dem Sog nicht ent­ziehen, der ihre Geschichte ent­wickelt. Wie Hänsel und Gretel stolpern Anais und Bruno durchs Unterholz, das in der Wohnung wächst, und bauen Berge, um sich zu verschanzen, wenn der Riese vom Sozialamt kommt. «Ich höre dich rufen im Gebirge», sagt Bruno zu Anais. Und sie hört «an der Küste die Salzkrusten entstehen und wie das Fell des Dachses im Wald bleicher wird».

«Meine Tierchen», hat die Mutter auf eine Karte geschrieben, bevor sie fortging, «öffnet niemandem die Tür.»

Julia Weber:«Alles ist immer schön», Limmat-Verlag, 212 Seiten.

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