«Sollten Genuss nicht dem Teufel überlassen»

Mira Ungewitter ist Gottes-Influencerin, predigt auf Kisten und surft im Meer. Fürs Christentum ist sie optimistisch.

Hashtag «Casual Priest»: Pastorin Ungewitter auf Instagram.

Hashtag «Casual Priest»: Pastorin Ungewitter auf Instagram.

(Bild: Instagram @miraungewitter)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Seit wann sind Sie von der Existenz Gottes überzeugt?
Ich war schon als Kind fromm und bin es bis heute. Sicher, manchmal streifen mich die Zweifel. Aber den Glauben habe ich über all die Jahre nie verloren.

Welche theologischen Schriften haben Sie in Ihrem Glauben bestärkt?
Die Texte von Dieter Bonhoeffer, Karl Barth und Martin Luther. Und die Bibel-Exegesen im Studium haben mir neue Zugänge zum Glauben ermöglicht. Seither habe ich die theologischen Werkzeuge, um Zweifel und Schwierigkeiten des Glaubens zu überwinden.

Warum haben Sie ein Buch über Ihren Glauben geschrieben?
Glaube und Biografie sind ja eng miteinander verflochten. Wenn ich über den Glauben schreibe, schreibe ich folglich immer auch über mich – deshalb der autobiografische Ansatz. Nachdem mich die «Zeit» porträtiert hatte, kam eine Agentur auf mich zu. Sie fand meinen Zugang zum Christentum faszinierend – und bald hatte ich den Buchvertrag.

Sie sind als Party-Pastorin bekannt, als Influencerin Gottes, die auf Getränkekisten predigt und auf Instagram postet.
Das mit den Kisten hat die Leute offenbar beeindruckt. (lacht) Ich werde immer wieder darauf angesprochen. Auf Instagram will ich schöne Momente teilen – aber auch meine Arbeit als Pastorin jungen Menschen näherbringen.

Sie posieren auf Instagram mit einem Rolling-Stones-T-Shirt. Die Band mit dem Song «Sympathy for the Devil» also: «Please allow me to introduce myself, I’m a man of wealth and taste.»
Zugegeben, dieser Song ist für mich an der Grenze. Aber die Rolling Stones sind einfach zu gut, als dass man sie wegen dieses Stücks ignorieren könnte. Mit Mick Jagger könnte man sich sicher gut über Herausforderungen des Glaubens unterhalten... lieber die Stones als christliches Wohlfühlgedudel. Und sowieso: Wir sollten Genuss nicht dem Teufel überlassen.

Aber Slipknot sind zu böse.
Damit kann ich dann tatsächlich nichts mehr anfangen. Aber auch wegen der Musik. Ist einfach nicht meine Musik.

Sie reisen mit Ihrem VW-Bus an angesagte Surf-Orte, derzeit surfen Sie an der Atlantikküste. Keine Bedenken wegen Mutter Erde?
Sicher, das muss ich mir künftig alles noch besser überlegen. Immerhin schaue ich darauf, dass ich nicht allein im Auto unterwegs bin. Und im VW-Bus unterwegs sein ist ja immer noch besser als Fliegen. Ich versuche das einzuschränken und so oft es geht, den Zug zu nehmen.

Sind Sie beim Surfen näher bei Gott?
Natürlich habe ich herrliche Momente im Wasser. Aber Gott zeigt sich mir eben gerade nicht nur dann. Das wäre ja auch viel zu einfach. Gott erlebe ich in der Strassenbahn, in Alltagssituationen, in denen ich Menschen nahe sein kann.

Surfen und Glauben: Ungewitter mit ihrem VW. (Foto: Valère Schramm Fotografie & Grafik)

Die populäre Jesus-Darstellung mit der hageren Gestalt, den langen Haaren und dem Bart ähnelt ein wenig dem typischen Surfer-Dude, nicht?
Zugegeben, ich schätze den Surfer-Dude an sich ja sehr. Äusserlich, aber auch vom Lebensstil her. Aber diesen Vergleich habe ich noch nie gezogen. Da müsste ich mir jetzt noch ein paar Gedanken machen. (lacht)

Kein Sex vor der Ehe, Verbot von Abtreibung – wollen Sie solche Sachen Ihrer Instagram-Community andienen?
Sicher nicht. Auch wenn ich durchaus sehe, wie erfolgreich Freikirchen wie der ICF auf Instagram für ihre Ideologie werben. Aber das ist nicht meine Religion. Sex ist Privatsache, und ich will junge Menschen nicht in die frühe Ehe hineinzwingen. Das revolutionäre, frühe Christentum war ja auch ganz anders gepolt, verbündete sich mit den Fehlbaren und Zweifelnden.

Wir leben in freien, demokratischen, wohlhabenden Gesellschaften. Warum brauchen wir mehr Religion – und seis nur das moderate Christentum der Reformierten?
Weil Geld und Demokratie uns letztlich halt doch nicht alles sind. Der Mensch hat auch ein Bedürfnis nach Spiritualität. Irgendwann im Leben kommt der Mensch auch in Deutschland oder der Schweiz an den Punkt, an dem Fragen nach etwas Höherem, nach Gott eine Rolle spielen.

Blöderweise sind monotheistische Religionen eher dann erfolgreich, wenn sie fundamentalistisch und intolerant unterwegs sind.
Wenn Sie mit «erfolgreich» den Zulauf von orientierungslosen Menschen meinen – dann könnten Sie recht haben. Das Christentum steht gerade an einem interessanten Punkt: Es ist in einer Übergangsphase, kann neue Inhalte und Formen wie eben die sozialen Medien ausprobieren. Wir müssen heute davon ausgehen, dass auch Menschen, die das Vaterunser nicht kennen, in die Kirche kommen. Sie müssen sich genauso wohlfühlen. Und auch diese Hemmschwelle müssen wir abbauen – und von diesem Punkt an können wir den Glauben neu aufbauen.

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