Starker «Balg»

Die Berner Literaturveranstalterin Tabea Steiner hat ihren ersten Roman geschrieben. Berührend erzählt sie in «Balg» von einem missverstandenen Kind und überforderten Erwachsenen – und davon, wie gefährlich Sprache sein kann.

Umgeben von Büchern: Tabea Steiner in ihrem Künstleratelier in Zürich-Altstetten.

Umgeben von Büchern: Tabea Steiner in ihrem Künstleratelier in Zürich-Altstetten.

(Bild: Urs Jaudas)

Mirjam Comtesse

Antonia und Chris sind gerade aufs Land gezogen und haben ihr erstes Kind bekommen. Sie sind nervös, übermüdet, und manchmal streiten sie. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches. Trotzdem lässt die Autorin Tabea Steiner die Hoffnung, dass diese Familie bald zusammenfindet, mit kurzen, brutalen Sätzen platzen. So beschreibt sie, wie Chris eines Abends im Internet surft: «Chris öffnet ein paar Seiten, es gibt durchaus bezahlbare Wohnungen in der Stadt. Für sich allein bräuchte er nicht viel Platz.»

Die bevorstehende Trennung ist gesetzt. Der Sohn Timon bleibt bei Antonia. Um ihn, den «Balg», dreht sich der Roman. Es ist die alltägliche, aber grausame Geschichte eines missverstandenen Kindes. Antonia ist als alleinerziehende Mutter überfordert. Auch als Timon in den Kindergarten kommt, wird sein Leben nicht einfacher. Er schlitzt die Kissen im Schulraum mit einer Schere auf. Die Lehrerin versteht nicht, dass er nur die weissen «Schafe» darin befreien wollte. Das Etikett Problemschüler wird ab jetzt an ihm haften bleiben.

Beklemmend

Tabea Steiner sitzt in ihrem Künstleratelier in Zürich-Altstetten und erzählt von Timon. Dieses ungestüme Kind liegt ihr am Herzen. Engagiert versetzt sie sich im Gespräch in Timon hinein. Die 38-Jährige hat zwar selber keine Kinder, doch sie ist ausgebildete Primarlehrerin und macht Stellvertretungen. «Die sogenannt schwierigen Kinder sind doch immer diejenigen, an die man sich am längsten erinnert», sagt sie.

In ihrem Roman gehe es ihr um die Frage, wie man mit solchen Mädchen und Buben umgehen solle. «Ich finde es sogar wichtig, dass sie unsere Gesetzmässigkeiten infrage stellen.» Doch was dabei passiert, tut weh – allen Beteiligten. In «Balg» schaut die Autorin tief in die Abgründe menschlicher Beziehungen. Mit ihrer schnellen Sprache schafft sie eine Eindringlichkeit, welche die Geschichte erschütternd nachvollziehbar macht.

Es handelt sich um das erste Buch von Tabea Steiner. Bisher hat sie sich als Literaturveranstalterin einen Namen gemacht. Sie hat das Thuner Literaturfestival Literaare ins Leben gerufen, das heute in die 14. Ausgabe startet. Am Sonntag wird sie in dessen Rahmen ihren Debütroman vorstellen. Zudem organisiert Tabea Steiner das Lesefest Aprillen, das jährlich im Stadtberner Schlachthaus-Theater stattfindet. Doch sie ist nicht nur im Raum Bern tätig, sondern auch auf nationaler Ebene: Sie sitzt in der Jury, welche die Schweizer Literaturpreise vergibt.

Nach Zürich gezogen ist die Autorin vor rund drei Jahren «der Liebe wegen». In Bern hatte sie früher Germanistik und Geschichte studiert und in Thun gewohnt. Ursprünglich stammt sie allerdings aus der Ostschweiz. Dort ist Tabea Steiner in einem 300-Seelen-Dorf aufgewachsen.

Sprache hat Folgen

Auch «Balg» spielt auf dem Land. Die geistige Enge, das gegenseitige Überwachen, das ständige Gerede kennt Tabea Steiner aus eigener Erfahrung. Dennoch betont die Autorin, dass der Roman keine Abrechnung mit ihrer Kindheit sei. «Dass alle Personen im gleichen Dorf leben, macht die Geschichte übersichtlicher», erklärt sie.

Jeder kennt jeden, und jeder redet über jeden. «Ich will zeigen, dass es eine Rolle spielt, was wir sagen.» Sie versteht nicht, wie achtlos manche Leute mit Sprache umgehen. Etwa, indem sie menschenverachtende Parolen von sich geben. Auch wenn dies gerne bloss als Provokation abgetan werde, hinterliessen solche Aussagen Spuren.

Gleichzeitig macht Tabea Steiner deutlich, welche gravierenden Folgen Schweigen haben kann. Denn erst wenn man etwas benennt, wird es zur Realität, mit der man umgehen kann. Dazu erzählt Tabea Steiner eine Geschichte aus ihrem eigenen Leben: «Als mein Bruder an Krebs erkrankte, habe ich das meinen Freundinnen über zwei Wochen nicht erzählt, obschon ich sie jeden Tag sah. Ich war der festen Überzeugung, dass die Diagnose erst in dem Moment, in dem sie ausgesprochen wird, wahr werden würde.» Heute ist ihr Bruder geheilt.

Karriere als Anarchist?

Die Erwachsenen in «Balg», die Timons Not übersehen, kommen schlecht weg. Doch sie sind auch selbst Opfer. Anstatt sich aus ihrem Elend zu befreien, verharren sie in alten Strukturen. Nur aus Trotz beispielsweise holt die Mutter Timon vom Bauernhof zurück, auf den sie ihn gegeben hatte.

Dabei fühlte er sich dort wohl, und ihr ging es ebenfalls besser. «Mich interessiert, wieso Menschen oft gegen ihre eigenen Interessen handeln», sagt Tabea Steiner. Eine Antwort hat sie nicht gefunden, aber das Buch zeigt auf, wie Menschen sich immer wieder in ausweglose Situationen hineinmanövrieren.

Das Ende bleibt offen. Die Autorin hat allerdings eine Idee, wie es weitergehen könnte: «Ich hoffe, Timon wird sich nicht unterkriegen lassen. Ich denke, er wird als Erwachsener nicht kriminell, aber vielleicht ein Anarchist.»

Tabea Steiner: «Balg», Edition Bücherlese, 240 Seiten. Lesung: 3. 3., 17.30 Uhr, Alte Oele, Thun. www.literaare.ch. Offizielle Vernissage: 11. 3., 19 Uhr, Sogar-Theater, Zürich.

Berner Zeitung

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