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Tödliche Hatz auf die Bühnenkönige

Fritz und Alfred Rotter waren die erfolgreichsten Theaterdirektoren der Weimarer Republik. Der Schweizer Historiker Peter Kamber hat eine Biografie über sie geschrieben.

Alfred, Gertrud und Fritz Rotter auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, vermutlich im Sommerurlaub um 1930. Foto: Privatarchiv Peter Ullman
Alfred, Gertrud und Fritz Rotter auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, vermutlich im Sommerurlaub um 1930. Foto: Privatarchiv Peter Ullman

«Man hat uns gehetzt wie tolle Hunde», gab Fritz Rotter einige Tage nach dem Überfall am 5. April 1933 in Liechtenstein der Presse zu Protokoll. Seit ­Monaten seien er und sein Bruder Alfred mit Briefen überschüttet worden, «die uns mit einem qualvollen Ende drohten».

Fritz Rotter und sein älterer Bruder Alfred waren die unbestrittenen Bühnenkönige der Weimarer Republik. Die Leidenschaft für das Theater verbanden sie mit Geschäftssinn und einem Gespür für breitenwirksame Stoffe. In der Inflationszeit prägten die Brüder zunächst mit Stücken und Salonkomödien das «frivole Berlin», später – während der ­Weltwirtschafts­krise – feierten sie Triumphe mit Operetten wie «Land des Lächelns» (Franz Lehár) oder «Ball im ­Savoy» (Paul Abraham/Ralph Benatzky).

Grösster Theaterkonzern

Der in Berlin lebende Schweizer Publizist und Historiker Peter Kamber («Geheime Agentin») hat jahrelang in Archiven recherchiert und erzählt nun – ­angelegt als Drama in fünf Akten – die Lebensgeschichte der beiden jüdischen Brüder, die unter dem Namen Schaie in Leipzig auf die Welt kamen und in Berlin aufwuchsen. Während des Ersten Weltkriegs gelang es ihnen wiederholt, dem Militärdienst zu entkommen, indem sie ständig ihren Wohnsitz wechselten.

Was war die Erfolgsformel der Rotters? Sie übertrugen als ­Erste das Star-System des Films ­konsequent auf die Bühne und machten aus Hans Albers und Käthe Dorsch, Fritzi Massary und Richard Tauber strahlende ­Kassenmagneten. Sukzessive bauten die Brüder ein Imperium auf aus «Rotterbühnen», die sie teils kauften, vor allem aber für bestimmte Produktionen gezielt pachteten: vom Metropol-Theater über den Admiralspalast bis zum Zentraltheater in Berlin mitsamt den Ablegern in Hannover und Dresden.

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren sie die Herren des grössten Theaterkonzerns Europas mit 1200 Angestellten – und sie hatten hohe Schulden, gleichzeitig aber auch Sachwerte, vor allem Immobilien, die sie in die Waagschale werfen konnten. Allein, es wurde Stimmung ­gemacht mit antisemitischen Untertönen gegen die «Rotterwirtschaft». Von links gab es Kritik an dieser «Welt des schönen Scheins», die von den Forderungen des Tages nur ablenke. Und die Nazis attackierten die Rotters immer heftiger und prangerten ein Geschäfts- und Star-System an, das keinen künstlerischen Gestaltungswillen kenne.

Als die Banken in den frühen 30er-Jahren kaum mehr Kredite sprachen, wurden die Brüder abhängig von den Vorschüssen der «Gesellschaft der Funkfreunde», einer Organisation für Theaterbesuche. Deren Chef, Heinz Hentschke, sollte später Goebbels Mann für die Operette werden. Und er war es auch, der die Gebrüder Rotter in die Enge trieb und eine feindliche Übernahme vollzog.

Noch vor der Machtergreifung der Nazis flohen die Brüder nach Liechtenstein, wo sie 1931 ­Bürger wurden. Das Kesseltreiben ­wurde immer aggressiver: Obwohl hoch verschuldet, hätten die Rotters grosse Geldbeträge ins Ausland geschafft. Was nicht stimmte, wie Peter Kamber belegen kann. Schliesslich wurden die Rotters wegen «Konkursverbrechen» in Deutschland steckbrieflich ­gesucht. Im April 1933 ist die Stimmung besonders aufgeheizt; es sind die Tage der von den ­Nazis verhängten Boykotte gegen jüdische Geschäfte.

Versuchte Entführung

Deutsche und Liechtensteiner Nazis versuchen, die Brüder im Alphotel Gaflei oberhalb von Vaduz zu entführen und nach Deutschland zu bringen. Aber die beiden wehren sich. Während Fritz Rotter knapp entkommt und sich beim rettenden Sprung aus einem fahrenden Auto nur die Achsel bricht, ­haben sein Bruder Alfred und dessen Frau Gertrud kein Glück. Sie kommen ums Leben, als sie, panisch vor den Nazis flüchtend, in unwegsamem Gelände über einen Felsvorsprung in die ­Tiefe stürzen.

Peter Kamber rekonstruiert Aufstieg und Fall der beiden ­Brüder mit viel Detailwissen und gibt Atmosphäre und Zeitkolorit lebendig wieder. Leider zitiert er etwas zu ausführlich aus Theaterkritiken, was den Fluss der Erzählung merklich stört. Interessant hingegen ist, dass der Autor in der rotterschen Unterhaltungsmaschinerie auch einen Ausdruck der damaligen Zeit erkennt.

Sowohl die neuen Komödien der Inflationszeit als auch die Operetten während der Weltwirtschaftskrise sieht er als ­«gesellschaftliches Traummaterial», das tiefe Sehnsüchte der Menschen offenbarte. In den ­Salonstücken und Komödien wird gegen Geschlechterstereotype angespielt, es dominieren starke, erotisch selbstbestimmte Frauen­figuren – und das in einer Gesellschaft, die den Frauen die berufliche Gleichstellung überwiegend verweigert.

Der Biograf hat auch das bislang unbekannte Schicksal von Fritz Rotter nach 1933 erhellt. Er emigrierte nach Paris und kam auch für den Prozess gegen die Entführer nicht zurück (sie ­erhielten nur geringe Strafen und wurden bald begnadigt). Frédéric Schaie, wie er sich nun nannte, konnte im Theatergeschäft nicht mehr Fuss fassen, kämpfte mit finanziellen Schwierigkeiten und ­wurde wegen eines ungedeckten Checks verurteilt. Rotter starb 1939 im Gefängnis in Colmar, wahrscheinlich an Herzversagen.

Seit 2002 hängt am Fels in Gaflei eine Gedenktafel, die an das Ehepaar Rotter erinnert.

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