Trinkerroman neu aufgelegt

Fünf Tage säuft sich ein Schriftsteller durch Manhattan. Der 1944 erstmals erschienene Roman von Charles Jackson wirkt hochmodern – eine Wiederentdeckung.

Ray Milland als Don Birnam in Billy Wilders Verfilmung von «The Lost Weekend» (1945).

Ray Milland als Don Birnam in Billy Wilders Verfilmung von «The Lost Weekend» (1945).

(Bild: pd)

Der im Zürcher Dörlemann-Verlag wiederaufgelegte Roman «Das verlorene Wochenende» von Charles Jackson (1903–1968) führt in die psychologischen Abgründe eines Zerrissenen. In seiner Radikalität wirkt er packend und modern. Eine sorgfältige neue Übersetzung von Bettina Abarbanell trägt zu dieser gelungenen Wiederentdeckung bei.

Brillant, gnadenlos und stilistisch trocken folgt der Autor der fatalen Abwärtsspirale einer mehrtägigen Sauftour. Es zeigt sich: Auch das Komasaufen hat seine Dramaturgie, die süchtig machen kann. Jackson lässt seine autobiografisch gefärbte Hauptperson Don Birnam im Jahr 1936 durch Manhattan torkeln. Der junge, erfolglose Schriftsteller drückt sich vor einem Wochenende bei seinem Bruder und schliesst sich lieber mit Whisky in seiner Bude ein.

Klägliches Scheitern

Die Jagd auf den immer nötigen Nachschub treibt ihn in Bars, Geldmangel dabei zu kläglich scheiterndem Handtaschendiebstahl. Seine schwere Schreibmaschine, eigentlich unverzichtbar für den Weg zu Autorenruhm, schleppt Birnam durch die halbe Stadt zur Pfandleihe. Auch hier erleidet er eine demütigende Niederlage.

Der Absturz geht, unterbrochen nur von kurzer, aber eben seliger Entspannung bei den Drinks, erbarmungslos weiter Richtung Sturz, Verletzung, Delirium, Ausnüchterungszelle. Alles verbunden mit immer neuen Erniedrigungen.

Birnams hoffnungslose Täuschungen anderer, seine Selbsttäuschungen, Notlügen und Ausflüchte flicht Jackson kunstvoll zusammen mit geradeaus formulierten, nüchternen Reflexionen über die Gründe für den Hang zur Flasche: Ist es die eigene Vaterlosigkeit, die Last aus einer Tuberkuloseerkrankung oder die unterdrückte Homosexualität?

Thomas Manns Begeisterung

Jackson wurde über den Erfolg seines Romans, der immerhin sofort nach seinem Erscheinen von Billy Wilder verfilmt wurde, nie froh. Ausgerechnet diesen habe er «in nüchternem Zustand geschrieben». 1968 nahm er sich das Leben.

«Wer will schon einen Roman über einen Trunkenbold lesen?», lässt er seine Hauptfigur fragen. Thomas Mann wollte und hat Jacksons Hauptwerk nicht ganz zu Unrecht auf eine Stufe gestellt mit «Hunger» von Knut Hamsun, einem genialen Klassiker der Moderne.

Charles Jackson: Das verlorene Wochenende. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Dörlemann-Verlag, Zürich. 352 S., 34.90 Fr.

phz/sda

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