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Versteckt zwischen Kinderbüchern

Bilderbücher für Erwachsene? Das sind jene künstlerisch gestalteten Kleinode, die Kindern nur halb so gut gefallen wie ihren Eltern. In Asien boomt das Genre. Hier aber fristet es – noch – ein heimliches und nicht ungefährliches Dasein in der Kinderecke.

Jimmy Liaos «Klang der Farben» erzählt, wie eine blinde junge Frau sich in der U-Bahn zurechtfindet – und im Leben.
Jimmy Liaos «Klang der Farben» erzählt, wie eine blinde junge Frau sich in der U-Bahn zurechtfindet – und im Leben.
Jimmy Liao/Chinabooks/PD

Wer in einer Berner Buchhandlung nach der Abteilung «Bilderbücher für Erwachsene» fragt, stösst allerorts auf Unverständnis. So etwa bei Orell Füssli: «Sie meinen Comics? Nein? Also ­Bilderbücher haben wir in der Kinderabteilung.» Tatsächlich findet man dort zwischen dem «Regenbogenfisch» und «Findus&Pettersson» manchmal auch das Gesuchte: Bilderbücher, die ganz klar für Erwachsene gestaltet und getextet sind.

«Alice im Wunderland» etwa, das der Franzose Benjamin Lacombe in seinem so berückend schönen wie beängstigenden Gothic-Stil neu interpretiert hat (Verlag Jacoby & Stuart). Oder Philosophisches mit surrealen Bildern von Quint Buchholz – soeben ist sein neues Buch «Vom Glück der Langsamkeit» erschienen (Gütersloher Verlagshaus).

Bekannte Illustratoren wie diese beiden sind nur die Spitze des Eisbergs. Und wie das so ist mit Eisbergen: Sie können ganz schön gefährlich werden. Denn Bilderbücher, die nicht für Kinder gemacht sind, langweilen diese nicht nur mit unverständlichen Handlungen und philosophischen Metaphern, sondern können sie nachhaltig verstören, weil Bilder direkter und stärker auf sie wirken als Sprache.

Bilder für Kunstaffine

Eine, die das Bilderbuch besonders pflegt, ist die Buchhändlerin Franziska Strauss. Sie stellt die geschmackssicher ausgesuchten Titel in ihrer Bümplizer Buchhandlung am Stadtbach prominent aus. «Bilderbücher verkaufen sich immer gut», sagt sie, wobei Erwachsene, die ohne Kinder in den Laden kämen, sich oft andere herausgriffen, als wenn Kinder dabei seien. Das künstlerisch gestaltete Bilderbuch ist auch ein Buch für kunstaffine Erwachsene – «es gibt da keine klare Trennung», meint Strauss, manche Bilderbücher seien schon eher Kunstbände.

«Auch im Bilderbuch liest man, blättert, taucht ein, ganz anders, als wenn man einen Film schauen würde.»

Franziska Strauss Buchhändlerin

Illustratoren wie Benjamin Lacombe könne man auch unter dem Stichwort «Graphic Novel» einreihen, so die Buchhändlerin. Zielpublikum solcher Bücher seien vor allem junge Erwachsene. Literatur für die, die nicht lesen? «Es kann ein Einstieg sein», findet sie, «und man liest da ja auch, blättert, taucht ein, ganz anders, als wenn man einen Film schauen würde.»

In der Buchhandlung ähnlich schwierig einzusortieren wie Bilderbücher sind für Strauss die Märchenbücher. Auch diese werden vielerorts in die Kinderecke gesteckt, obwohl selbst die Gebrüder Grimm «Kinder- und Hausmärchen» klar unterschieden haben. In ihrer ungeschönten Urform sind Märchen oft lebensnah grausam. So öffnen sich selbst in den zarten, poetischen Bildern der preisgekrönten österreichischen Illustratorin Lisbeth Zwerger Abgründe und eine bodenlose Melancholie, die nur Erwachsene deuten können.

Boom in Asien

Ebenfalls ein ausgesprochener Melancholiker ist Jimmy Liao, Shootingstar der taiwanischen Zeichnerszene, der zur Zeit durch Europa tourt, wo einige seiner Bilderbücher für Erwachsene nun auch auf Deutsch greifbar sind. Eingeladen wurde der Autor von Chinabooks, einer Vertretung, die mit 9000 sofort lieferbaren Titeln in ihrem Schweizer Lager «das europaweit grösste Sortiment an Publikationen chinesischer Verlage» führt. Allerdings ist Liao nur gerade heute in der Schweiz.

Danach reist er als Ehrengast weiter ans Comicfestival München – wobei er besser an eine Kunstmesse oder ein Festival für Animationsfilme passen würde. Die zweite Leidenschaft des Malers sind nämlich die bewegten Bilder, die er in seinem Buch «Das Kino des Lebens» (Chinabooks) feiert. Die mit Anspielungen auf die Filmgeschichte gespickte Story: Ein Vater geht mit seinem Kind immer dann ins Kino, wenn die Trauer um die verstorbene Mutter unerträglich wird. So lernt das Kind, in der Fantasie zu leben, und muss als erwachsener Mensch im richtigen Leben noch einmal neu anfangen.

Im asiatischen Raum hat Jimmy Liao einen richtigen Boom ausgelöst. Bilderbücher für die Grossen sind hip, viele Buchläden führen derzeit Hunderte von Titeln im entsprechend bezeichneten Sortiment. Auch hiesigen Anbietern würde es gut anstehen, die Abteilung Bilderbuch differenzierter zu führen und Erwachsenen aktiv Zugang zu schaffen zu einem so beliebten wie verkannten Genre.

Donnerstag, 18.6., 19 Uhr: Auftritt Jimmy Liao im Sphères, Zürich.

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