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Von Schmetterlingen und Schwänen

Ece Temelkurans jüngst auf Deutsch erschienener Roman «Stumme Schwäne» handelt von dem Putsch von 1980. Die türkische Autorin erzählt darin aus dem Blickwinkel zweier Kinder und sagt viel über die heutige Zeit.

Vergangene Woche hätte sie zu einem Gespräch nach Bern kommen sollen. Kurzfristig jedoch sagte Ece Temelkuran ab, aus gesundheitlichen Gründen. Die 43-Jährige, die in Istanbul und Zagreb lebt, ist Juristin, Journalistin und Schriftstellerin und eine der profiliertesten kritischen Stimmen der Türkei.

2011 hatte sie über einen Bombenangriff des Militärs berichtet und gezeigt: Es waren nicht PKK-Kämpfer, sondern 36 kurdische Jugendliche, die dabei getötet wurden. Daraufhin verlor sie ihre Stelle beim Fernsehsender Habertürk.

Als Journalistin schreibt Temelkuran heute für ausländische Medien wie den britischen «Guardian» oder die «New York Times». Seit November publiziert sie in der Schweizer «Wochenzeitung» eine Kolumne.

Sie schreibt Sachbücher – auf Deutsch greifbar ist «Euphorie und Wehmut», ein Porträt ihres in Widersprüche zerrissenen Landes. Und sie schreibt Romane. Ihr jüngst auf Deutsch erschienenes Buch «Stumme Schwäne» ist zugleich realistisch und poetisch verdichtet. Alles, was sie schreibe, han­dele von der «Seele der Türkei», sagte Temelkuran in einem Interview.

Schreibt über die Seele der Türkei: Autorin Ece Temelkuran vor einem Bild des Karaköy-Platzes in den 1940er-Jahren. Bild: Cem Talu/zvg
Schreibt über die Seele der Türkei: Autorin Ece Temelkuran vor einem Bild des Karaköy-Platzes in den 1940er-Jahren. Bild: Cem Talu/zvg

Kindlicher Blick

«Stumme Schwäne» spielt in den letzten Tagen vor dem Militärputsch vom 12. September 1980. Temelkuran lässt den Leser diese Zeit durch die Augen zweier Kinder erleben. Zum einen ist da Ayse, die in einer Familie des Mittelstandes aufwächst. Zum anderen Ali, dessen Eltern im Widerstand aktiv sind. Weil Alis Mutter bei Ayses Eltern putzen geht, schliessen die beiden Freundschaft.

Doch der Blick der Kinder könnte unterschiedlicher nicht sein. Ayse wächst in einem guten Quartier auf, die Wohnung ihrer Eltern liegt symbolisch aufgeladen zwischen dem Wohnheim der rechten Studenten, der politikwissenschaftlichen Fakultät, wo die Linken studieren, einem heimlichen Widerstandsnest und der Polizeiwache. Ihre Eltern wollen Ayse vor der Wirklichkeit schützen.

Wenn aus der Polizeiwache Schreie zu hören sind und wenn Frauen den hungernden gefangenen Studenten Kekse durchs Gitterfenster werfen, erklärt seine Oma dem Mädchen, das sei ein Spiel. Anders Alis Eltern, die ihren Sohn an Widerstandstreffen genauso teilhaben lassen wie am Wiederaufbau ihres Hauses, nachdem dieses in einem Gecekondu-Viertel niedergebrannt worden ist. Der kleine Bub weiss schon so viel von der Welt, dass er vor lauter Denken kaum spricht.

Ece Temelkuran selbst war beim Putsch von 1980 sieben Jahre alt. Vielleicht gelingt es ihr deshalb so gut, den kindlichen Blick wiederzugeben. Die präzisen Beobachtungen von Ayse und Ali fügen sich wie in einem Puzzle zusammen. Sie zeugen von grosser kindlicher Intuition und ver­leiten die beiden dennoch oft zu falschen Schlüssen.

In der Kluft zwischen kindlicher Logik und Realität offenbart sich die tief in den Alltag dringende Gewalt. Und zugleich schlummert darin grosse Schönheit. Alles werde gut, glauben Ayse und Ali, wenn sie nur Schmetterlinge ins Parlament bringen und die Schwäne aus dem Schwanenpark retten.

Es sei nicht nur in der Türkei, sondern überall auf der Welt charakteristisch für den Mittelstand, dass die Menschen versuchten, sich selbst zu schützen, sagt Ece Temelkuran. Ihr Roman hat eine historische Dimension. So war Ayses Mutter früher selbst politisch aktiv, hat sich aber in einem sichereren Leben eingerichtet und versucht, zu vergessen.

Erinnern und nicht vergessen

Nach 1980 erklärten die Putschisten öffentlich, sie wollten eine Generation heranziehen, die sich weder an die linken Aktivisten noch an deren Ideale erinnern würde. Das führte zu Folter, Mord und Exil, hatte aber auch Auswirkungen bis zur Sprach­regelung. Das Wort Widerstand wurde etwa aus dem Sprachgebrauch entfernt. Im Roman lässt Temelkuran Figuren davon erzählen, wie die Wörter «relativ», «inspizieren» und «kritisch» aus Ansagetexten des staatlichen Radiofunks gestrichen werden.

«Mit dem Putsch von 1980 wurde der Samen für das heutige politische Chaos gelegt», sagt Ece Temelkuran. Unter Erdogan ­seien ganze Generationen dazu erzogen worden, gehorsam und rechtsgerichtet zu sein. «Deshalb haben wir heute Erdogan und seine islamisch-konservative AKP mit Millionen von Anhängerinnen und Anhängern.»

Hoffnung gegeben haben Ece Temelkuran die Proteste im Gezi-Park von 2013, die von Istanbul aus zu Demonstrationen im ganzen Land führten. Sie haben die Autorin zu dem Roman inspiriert. Und auch die Schwäne, die sich als symbolisches Bild durch den Roman ziehen, entstammen dieser Bewegung. In Ankara retteten Studenten damals Schwäne aus dem Park, denen das Tränengas zugesetzt hatte.

Ece Temelkuran hat den Roman im türkischen Original 2015 publiziert, also noch vor dem gescheiterten Putschversuch vom Juli 2016. In der deutschen Ausgabe widmet sie das Buch ihren Neffen, die heute so alt sind wie sie 1980, und schreibt: «Ich bin gespannt, was ihr nicht vergessen und woran ihr euch erinnern werdet.»

Ece Temelkuran: «Stumme Schwäne», Hoffmann und Campe, 384 S.

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