Wenn sie schreibt, brennt das Papier

Michiko Kakutani, die gefürchtete Literaturkritikerin der «New York Times», hat selbst ein Buch verfasst.

Schonte niemanden: Die 64-jährige Michiko Kakutani. Foto: Getty Images

Schonte niemanden: Die 64-jährige Michiko Kakutani. Foto: Getty Images

Michèle Binswanger@mbinswanger

Die bekannteste Kritikerin in der englischsprachigen Literatur ist bis heute als Privatperson nahezu eine Unbekannte geblieben. 34 Jahre lang schrieb Michiko Kakutani für die «New York Times» Rezensionen, und ihr scharfes Urteil machte sie zum Inbegriff der Kritikerin. Jedes von ihr rezensierte Buch war entweder ein Meisterwerk oder es war Müll – dazwischen gab es wenig. Nie erlag sie der Versuchung des Kompromisses oder der Milde, ihre strenge Klarheit war ihr Markenzeichen.

Sie beförderte die Karrieren von grossen Namen wie David Foster Wallace, Jonathan Franzen, Ian McEwan oder Zadie Smith. Gleichzeitig schonte sie niemanden, schon gar nicht die Grössen der amerikanischen Literatur. In einem Porträt bei «Slate» heisst es: «Wenn man ihren gedruckten Namen liest, sieht man Rauch vom Papier aufsteigen.»

Geliebt von den Lesern für ihre furchtlosen Urteile, gehasst von den Opfern ihrer gefürchteten Verrisse, erschrieb sich die 64-Jährige einen Ruf, der sie weit über Amerika hinaus bekannt machte. Dies vor allem auch, weil die von ihr kritisierten und in ihrer zarten Seele verletzten Künstler die Kritik zuweilen prominent zurückgaben. Eine «Ein-Frau-Kamikaze» nannte sie der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer, Jonathan Franzen hielt sie für «die dümmste Person in New York City», und im «Spiegel» nannte man sie den «Marcel Reich-Ranicki der englischsprachigen Literatur».

Unter Literaten machte sie sich unbeliebt genug, um immer mal wieder als Figur in ihren Büchern aufzutreten.

1955 als Tochter eines japanischen Mathematikers und einer US-japanischen Mutter geboren, wuchs sie als Einzelkind in New Haven, Connecticut, auf. Später besuchte Kakutani die Yale-Universität, um Literatur zu studieren. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie zunächst für die «Washington Post» und für «Time» als Reporterin, bevor sie 1979 zur «New York Times» wechselte. Dort übernahm sie 1983 die Funktion der Literaturkritikerin, 1998 gewann sie gar den Pulitzerpreis für Kritik.

So berühmt sie als Kritikerin war, so gesichtslos blieb sie als Person. Kakutani trat nie öffentlich auf, weder in Talkshows noch auf Literaturveranstaltungen. Allerdings machte sie sich unter Literaten unbeliebt genug, um immer mal wieder als Figur in ihren Büchern aufzutreten. In Philip Roths Roman «Sabbaths Theater» ist sie als Kimiko Kakizaki verewigt, und sogar in Fernsehserien wie «Girls» oder «Sex and the City» kommt sie vor – in letzterer Serie befürchtet die Hauptperson Carry Bradshaw, ihr Buch könnte «kakutanisiert» – also zerstört – werden. Was kann man als Kritikerin mehr erreichen, als wenn der eigene Name zum Verb wird?

Im Jahr 2017 trat sie unerwartet von ihrer Funktion als Chefkritikerin zurück und publizierte vergangenen Sommer ihr erstes eigenes Buch «Tod der Wahrheit – Notizen zur Falschheit im Zeitalter des Donald Trump», das nun auf Deutsch erschienen ist. Erstmals äusserte sie sich dazu nun auch in längeren Interviews. Doch wer sich daraus Aufschlüsse über die Person Kakutani erhoffte, wird enttäuscht. Auch in ihren Interviews bleibt sie streng beim Thema, das ihr am Herzen liegt: dass die Präsidentschaft Trump Amerika gefährdet und das Land als Demokratie aus seiner Krise wieder hinausfinden muss. Da dürften ihr auch ihre Kritiker recht geben.

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