Wie die Schweiz zur Weltmacht wurde

Die Historikerin Lea Haller geht der Frage nach, wie die Schweiz im Transithandel zu einer der wichtigsten Drehscheiben werden konnte. Eine Pionierarbeit mit Verdiensten, aber auch Problemen.

Ein Containerschiff auf hoher See: Die Schweiz handelt mit Waren, die das Land gar nie passieren. Foto: Getty Images

Ein Containerschiff auf hoher See: Die Schweiz handelt mit Waren, die das Land gar nie passieren. Foto: Getty Images

Andreas Tobler@tobler_andreas

Unversehrt trotz zweier Weltkriege und eine Politik, die wirtschaftlichen Interessen den Vorrang gibt: Warum die Schweiz bis heute in der Weltwirtschaft eine Rolle spielt, scheint klar. Aber wenn man sich die Anteile unseres kleinen Landes am Welthandel vergegenwärtigt, lassen einen die Zahlen doch immer wieder staunen: Nach neuesten Berechnungen beträgt der Anteil der Schweiz am globalen Transithandel beim Rohöl und beim Weizen jeweils 40 Prozent; beim Zucker sind es 45, beim Kaffee 55, bei den Metallen gar 60 Prozent. Gesamthaft läuft – gemäss Schätzungen – ein Fünftel bis ein Viertel des weltweiten Rohstoffhandels über unser Land.

Wie konnte der Kleinststaat zur Bastion im Transithandel werden, obwohl er selbst über keine nennenswerten Rohstoffe verfügt, keinen Direktzugang zum Meer hat, keine Kolonien besass und keine imperialistische Politik betrieb? Und wie kann man ein Geschäft greifbar machen, das weitgehend unsichtbar ist? Denn Letzteres ist der Kern des Transithandels: Schweizer Firmen erwerben, verschieben und verkaufen Waren zwischen Drittstaaten, ohne dass das Handelsgut je unser Land passiert.

Stark als Aussenseiter

Die Historikerin Lea Haller sucht nun in einer grossen Studie nach Antworten auf die Frage, warum die Schweiz zu einem der wichtigsten Knotenpunkte im globalen Transithandel werden konnte. Autarkie sei für ein kleines Land wie die Schweiz noch nie eine Option gewesen, schreibt die Autorin. Und die Aussenseiterrolle brachte dem Land auch Vorteile: «Bis 1848 gab es überhaupt keine Schweiz», meinte der Journalist Lorenz Stucki, den Haller zitiert. «In Petersburg oder Amsterdam, Lissabon oder New York traten sie als Basler, Zürcher, Toggenburger auf; kein Einheimischer konnte sich darunter etwas vorstellen, und so war es kein Problem, selbst in den erbittertsten Kriegen immer auf der richtigen Seite zu stehen und in Frankreich jeden Engländer, in England jeden Franzosen auszustechen.»

In der Flexibilität sieht auch Haller ein Charakteristikum des Transithandels, ja gar der Nation: Nicht als ein «gefestigter Container», sondern eher als eine «Art Prozessor» sollte man sich die Schweiz vorstellen; sie werde von der Wirtschaft und der Politik nicht dereguliert, sondern immer wieder neu programmiert, damit sie die nationalen Rahmenbedingungen den globalen Kapitalströmen anpassen kann.

Wie man sich eine solche Neuprogrammierung konkret vorstellen muss, zeigt Haller am Steuerwettkampf, in dem die Schweiz kräftig mitmischte. So etwa, als sie das Holdingprivileg von der Gewinnsteuer befreite, was die Zahl der Holdinggesellschaften in der Schweiz endgültig explodieren liess – von 128 auf fast 2000 allein in den Jahren zwischen 1921 und 1938. Oder wie es ein Zürcher Wirtschaftsanwalt formulierte, als er 1924 die Initiative für ein neues Zuger Steuergesetz ergriff: Was in Sachen Gewinn im Tourismus nur durch viel Kapital möglich sei, werde «durch ein paar einfache Sätze in der Steuergesetzgebung erreicht».

Die Deals mit den Nazis

Insgesamt erfährt man bei Lea Haller sehr viel Interessantes über den globalen Handel. Wiederholt gelingt es der Historikerin auch, komplexe Marktinstrumente anschaulich darzustellen. Etwa dann, wenn sie das sogenannte Hedging am Beispiel eines Kaufmanns des Winterthurer Handelshauses Volkart ­beschreibt, der 1922 in Texas 100Baumwollballen gekauft hatte. Aus Angst vor einem Preisrückgang wettete der Volkart-Mann gegen sich selbst und verkaufte einen Futures-Kontrakt – gegen seinen Baumwolleinkauf – an der Börse. Als er einige Tage später ein Angebot für seine Baumwolle in Höhe von 600 Dollar erhielt, sagte er zu – und kaufte zugleich seinen Futures-Kontrakt für 500 zurück: Es resultierte ein Reingewinn von 100 Dollar.

Die Schattenseiten des Transithandels klammert das Buch nicht aus. Auch nicht jene des Kolonialismus, von dem Schweizer Händler profitierten, nicht nur jene, die direkt oder indirekt an der Deportation von 172'000 Sklaven beteiligt waren. Ausgehend von ihren Erläuterungen zum Clearing-System, mit dem Geschäfte ohne den Transfer von Devisen abgewickelt werden konnten, beleuchtet Haller auch die Deals mit den Nazis, die der Schweiz als Gläubiger eine «Clearing­milliarde» schuldeten: eine «Überlebensmassnahme», so Haller, die das Land vor einem Angriff der Deutschen schützte. Angesichts dieser Geschäfte sei es aber reiner «Goodwill» gewesen, dass die Alliierten die Schweiz in die Nachkriegsordnung mit einbezogen.

Behelfsmässig strukturiert

Man liest Hallers Buch mit Respekt. Nicht zuletzt wegen der Schwierigkeiten ihres Projekts: Mit Fokus auf die exportierende Industrie wurde in der Schweiz der Transithandel als ökonomischer Faktor lange massiv unterschätzt. Erst 1934 wurde ein Versuch unternommen, eine Statistik für den Transithandel zu erstellen. Auch heute noch gibt es keine umfassende, gesicherte Zahlengrundlage – angesichts der weltweiten Verflechtungen und der Verschwiegenheit der Branche, die ihre Archive grösstenteils unter Verschluss hält. Insofern leistet das Buch Pionierarbeit. Weniger überzeugend ist seine Struktur, die von der Chronologie bestimmt wird – und behelfsmässig wirkt: Die Autorin stellt in der Einleitung die Frage nach einem Narrativ, mit dem sie den historischen Stoff präsentieren könnte. Diese bleibt unbeantwortet.

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