Wie es ist, an Jungfrauen zu knabbern

Walter Moers hat mit Zamonien ein Fantasy-Universum eigener Art geschaffen. Sein neuer Roman «Der Bücherdrache» reicht allerdings nicht an seine Meisterwerke heran.

Auf dem Weg zum Bücherdrachen: Der Buchling Hildegunst Zwei. Illustration: Walter Moers

Auf dem Weg zum Bücherdrachen: Der Buchling Hildegunst Zwei. Illustration: Walter Moers

Mirjam Comtesse

«Der Bücherdrache» hat vieles, was Walter-Moers-Fans seit vielen Jahren begeistert: Die Figuren sind skurril und sympathisch, die Liebe zu Büchern ist omnipräsent und die Geschichte ein echtes Abenteuer. Im Mittelpunkt steht der Buchling Hildegunst Zwei. Buchlinge sind Wesen, die in der Fantasiewelt Zamonien die Bücher von Schriftstellern auswendig lernen. Hildegunst Zwei widmet sich dem umfangreichen Gesamtwerk von Hildegunst von Mythenmetz. Dieser hypochondrische und grössenwahnsinnige Lindwurm ist Moers-Kennern aus früheren Romanen bekannt. Hildegunst Zwei sucht den Bücherdrachen Nathaviel auf, der überaus gebildet und für seine weisen Ratschläge bekannt ist, aber eben auch ein wildes Tier.

Mit Vergnügen verfolgt man das Geplänkel zwischen Drache und Buchling. Etwa, wenn Nathaviel erzählt, es sei bloss ein Klischee, dass Drachen Jungfrauen essen – und kurz darauf einräumt, dass er schon mal eine oder zwei probiert habe: «Gefressen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Ich sag mal: reingebissen. Ein bisschen drauf rumgekaut. Verkostet, sozusagen. Und ob die wirklich alle echte Jungfrauen waren? Na ja... wer weiss das denn so genau?»

Das ist typischer Walter-Moers-Humor. In «Der Bücherdrache» gibt es wieder viele grossartige, vom Autor selbst gezeichnete Illustrationen – und sogar einen Comicteil als Rahmenhandlung. Zudem dürfen wieder Anagramme entschlüsselt werden. Die Kollegen von Hildegunst Zwei heissen etwa Estrakos (Sokrates) und Klosophes (Sophokles). Kein Wunder, werden sie «die Klassiker» genannt.

Doch nun das grosse Aber: «Der Bücherdrache» kommt nicht an Walter Moers’ beste Werke wie «Rumo» oder «Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär» heran. Dafür ist er zu wenig komplex. Die Handlung beschränkt sich auf die Begegnung zwischen Buchling und Bücherdrache.

2004 erschien der gefeierte Zamonien-Roman «Die Stadt der träumenden Bücher», mit Hildegunst von Mythenmetz als Hauptfigur. Der Folgeroman «Das Labyrinth der träumenden Bücher» enttäuschte. Statt neuen Wendungen präsentierte der Autor viele Wiederholungen bereits bekannter Ereignisse. Vom versprochenen Schlussteil «Das Schloss der träumenden Bücher» ist bis heute nichts zu sehen.

Hat Moers keine Lust mehr?

Weil Walter Moers nie öffentlich in Erscheinung tritt – bekannt ist lediglich, dass er 61 Jahre alt ist und in Hamburg wohnt –, brodelt die Gerüchteküche. Sind ihm die Ideen ausgegangen? Oder hat er keine Lust mehr, sein Werk würdig zu vollenden? «Der Bücherdrache» enthält eine Leseprobe des nächsten Buches mit dem Titel «Die Insel der 1000 Leuchttürme». Beim Lesen muss man unwillkürlich seufzen. Auch hier ist wieder alles da, was die Geschichten von Moers so unwiderstehlich macht: Fantasie, Witz und Sprachlust. Aber es bleibt ein Appetithäppchen.

Ein vielversprechendes. Im Vorwort heisst es: «Aber statt Heilung und Erholung zu finden, gerät Mythenmetz während seiner Studien in ein Gespinst von mysteriösen Ereignissen und schliesslich in einen Strudel von gefährlichen Abenteuern, die durchaus das Zeug dazu haben, seine Erlebnisse in der zamonischen Untenwelt in den Schatten zu stellen.»

Walter Moers: Der Bücherdrache. Penguin, München 2019. 192 S., ca. 23 Fr.

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