«Das wird man noch in hundert Jahren lesen»

Daniel Kampa, der Zürcher Verleger von Olga Tokarczuk, über die polnische Nobelpreisträgerin.

Verleger Daniel Kampa. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Verleger Daniel Kampa. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Glückwunsch, Herr Kampa! Sie haben jetzt eine Nobelpreisträgerin in Ihrem jungen Verlag. Olga Tokarczuk ist ja eine Grosse der Weltliteratur, haben Sie den Preis erwartet?
Nein. Wenn man sowas erwartet, dann trifft es nicht ein. Natürlich ist das ein Riesenglück für uns. Olga Tokarczuk ist ja immer noch ein Geheimtipp, aber das wird sich jetzt ändern.

Wie kam sie zum Kampa-Verlag?
Olga Tokarczuk ist eine meiner Lieblingsautorinnen, seit Jahren schon. Sie hat im deutschsprachigen Raum eine etwas unglückliche Verlagsgeschichte, war bei vier verschiedenen Verlagen, galt zwar immer als grosse Autorin, aber auch als schwer verkäuflich. Ich bekam «Die Jakobsbücher» angeboten und musste natürlich überlegen: 1200 Seiten! Das bringt einen kleinen Verlag an die Grenze. Allein für das Papier haben wir 12’000 Euro vorab zahlen müssen. Aber umgekehrt kann man mit einem kleinen Verlag etwas Verrücktes machen. Und das machen wir jetzt.

Und müssen jetzt nachdrucken lassen.
Natürlich. Zumal wir ja nicht nur «Die Jakobsbücher» bringen, sondern Tokarczuks Gesamtwerk. Wir wollten die bereits erschienenen, aber vergriffenen Romane nach und nach verlegen, jetzt machen wir es Schlag auf Schlag. Am jüngsten Titel, einem Erzählband, sitzt der Übersetzer Lothar Quinkenstein schon.

Was fasziniert Sie an Olga Tokarczuk?
Sie ist eine grossartige Erzählerin, eine bedeutende Intellektuelle, aber – auch wenn es jetzt klingt wie ein blöder Slogan: Das ist ein «lesbarer Nobelpreis». Ihre Romane spielen zum Teil auf dem polnischen Dorf, aber sie liegen in den grossen Flughäfen der Welt aus.

«Die Jakobsbücher» sind gerade erschienen. Ketzerisch gefragt: 1200 Seiten über eine obskure Gestalt im Polen des 18. Jahrhunderts – warum soll man das lesen?
Diese obskure Gestalt, wie Sie sagen, ist ausgesprochen faszinierend in ihrer Ambivalenz. Jakob Frank galt als der «Luther der Juden». Sein ungemein bewegtes Leben fällt in eine Zeit, die unserer nicht unähnlich ist. Eine Zeit der Verunsicherung, in der man sich fragt, wohin die Welt steuert. Es geht in dem Roman um religiöse Vielfalt, Emanzipation und um Toleranz. Und es ist Olga Tokarczuks Hauptwerk, ein einzigartiger literarischer Wurf. Das ist eines der Bücher, die man in hundert Jahren noch lesen wird.

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