Deutsches «Unwort des Jahres» ist gekürt

Die tägliche Debatte um den Klimawandel ist bei dieser sprachlichen Wahl in den Vordergrund gerückt.

Nina Janich, Professorin für Germanistische Linguistik und Jurysprecherin, erklärt die Gründe für die Wahl. (Keystone/Frank Rumpenhorst)

Nina Janich, Professorin für Germanistische Linguistik und Jurysprecherin, erklärt die Gründe für die Wahl. (Keystone/Frank Rumpenhorst)

Das «Unwort des Jahres» 2019 heisst «Klimahysterie». Mit dem Wort würden Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und wichtige Debatten zum Klimaschutz diskreditiert.

Dies sagte die Sprecherin der deutschen Jury der sprachkritischen Aktion, Nina Janich, am Dienstag zur Begründung. «Das Unwort pathologisiert pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als Art kollektiver Psychose. »

Der Begriff sei gleich von mehreren Vertretern von Politik, Wirtschaft und Medien benutzt worden. Beispielsweise AfD-Politiker Alexander Gauland hatte im Juni vergangenen Jahres gesagt: «Die Klimahysterie der anderen Parteien wird die AfD nicht mitmachen.»

Insgesamt wurden dieses Mal 671 Einsendungen mit 397 Vorschlägen eingereicht. Rund 50 Vorschläge entsprachen den Kriterien, wie etwa «Bauernbashing», «Ökodikatur», «Umvolkung», «Bevölkerungsexplosion» oder «Ethikmauer». Die Zahl der Einsendungen ging in diesem Jahr damit aber erneut zurück. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 900 gewesen. Früher gab es auch schon mal deutlich über 2000 Vorschläge.

Auf den Sprachgebrauch aufmerksam machen

Das Unwort wird seit 1991 gekürt. Im vergangenen Jahr war es «Anti-Abschiebe-Industrie» vom CSU-Landesgruppenchef im deutschen Bundestag, Alexander Dobrindt. 2017 fiel die Wahl auf «Alternative Fakten».

Die sprachkritische Aktion möchte mit ihrer alljährlichen Aktion auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen und so sensibilisieren. Dabei werden Wörter gerügt, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstossen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistische, verschleiernde oder irreführende Formulierungen sind.

Reine Schimpfwörter zählen nicht. Die Jury richtet sich nicht nach der Menge der Vorschläge für ein einzelnes Wort.

Die «Unwörter» der vergangenen zehn Jahre

Das «Unwort des Jahres» soll aktuelle Diskussionen abbilden und gesellschaftliche Entwicklungen aufzeigen. Gekürt wird es seit 1991. Hier die Unwörter der vergangenen zehn Jahre:

  • 2019 - «Klimahysterie»: Mit dem Wort werden nach Auffassung der Jury Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und wichtige Debatten zum Klimaschutz diskreditiert
  • 2018 - «Anti-Abschiebe-Industrie»: Der Begriff verhöhnt aus Sicht der Jury geltendes Recht. Er zeige auch, wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben habe.
  • 2017 - «Alternative Fakten»: Mit dem Begriff sollen aus Sicht der Jury Falschbehauptungen politisch salonfähig gemacht werden.
  • 2016 - «Volksverräter»: Das Wort sei ein «Erbe von Diktaturen» unter anderem der Nationalsozialisten.
  • 2015 - «Gutmensch»: Der Vorwurf diffamiere Hilfsbereitschaft und Toleranz pauschal als naiv und dumm, begründet die «Unwort»-Jury.
  • 2014 - «Lügenpresse»: Diese pauschale Verurteilung «verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit», so die Jury.
  • 2013 - «Sozialtourismus»: Der Ausdruck diskriminiert laut Jury Menschen, «die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu».
  • 2012 - «Opfer-Abo»: Die «Unwort»-Jury kritisiert, der Begriff stelle Frauen pauschal unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterin zu sein. Wetter-Unternehmer Jörg Kachelmann hatte die Wortschöpfung, die seine Frau Miriam erfunden habe, unter anderem in einem «Spiegel»-Interview verwendet. Darin ergänzte er: «Frauen sind immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden.»
  • 2011 - «Döner-Morde»: Dieser Begriff ist für die Mordserie der rechtsextremistischen NSU-Terroristen verwendet worden. Mit der «sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung» würden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt, erklärt die Jury.
  • 2010 - «alternativlos»: Das Wort suggeriere zu Unrecht, dass keine Diskussion mehr notwendig sei.

fal/sda

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