Die Quote betritt die Bühne

Das Theatertreffen von Berlin lädt 50 Prozent Regisseurinnen ein. Applaus! Applaus!

Ihr Entscheid erhitzt die Gemüter: Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer.

Ihr Entscheid erhitzt die Gemüter: Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer.

(Bild: Keystone)

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Die Fakten zuerst: 78 Prozent der Theater werden von Intendanten geleitet. 78 Prozent der Inszenierungen auf den grossen Bühnen werden von Regisseuren inszeniert; ohne das Adjektiv «gross» sind es immerhin noch 70 Prozent Männer. Und über drei Viertel der inszenierten Stücke wurden von Männern geschrieben.

Die Aufgaben der Regieassistenz werden dagegen zu 51 Prozent von Frauen erfüllt. Und im Theater-Studium (Regie und Schauspiel) sind die Frauen zu 69 Prozent vertreten. Die dürfen irgendwann eventuell soufflieren (zu 80 Prozent). Oder im Publikum sitzen und klatschen: Es besteht zu rund zwei Dritteln aus Frauen.

Quotenentscheid

O. k., es handelt sich hier um Zahlen, die im Auftrag der deutschen Bundesregierung 2016 präsentiert wurden. Aber, so Yvonne Büdenhölzer, die seit 2012 als Leiterin des Berliner Theatertreffens amtet, der massgeblichen jährlichen Bestenschau im deutschsprachigen Raum: «Es ändert sich nichts.» Darum will sie nun für die Selektion der zehn jedes Jahr nach Berlin geladenen Inszenierungen einen Änderungsschub anstossen: mit einer – Schockpause – Quote! Wenigstens für zwei gewagte Jahre! 2020 und 2021.

Lang habe sie gedacht, es gehe ohne, liess Büdenhölzer wissen. Aber freundliche Absichtserklärungen, mehr Regisseurinnen zu nominieren, reichten nicht. «Es braucht ein Instrument von aussen, und das Theatertreffen kann hier eine Vorreiterrolle einnehmen.»

Wie zu erwarten, hagelte es auf Büdenhölzers Ankündigung, in (befristeter) Zukunft fürs Festival mindestens fünf Inszenierungen von Frauen auszuwählen – also die Hälfte! –, die wohlfeilen Anti-Quoten-Argumente. Dass die armen geladenen Regisseurinnen ja dann immer mit dem Odium der Alibi-Frau herumlaufen müssen, obwohl sie es vielleicht auch ohne Quote geschafft hätten. Dass es um die hehre Kunst geht, um Qualität ohne Ansehen der Person. Man vergiesst vor lauter Sorge gar Krokodilstränen über die wehrlosen Frauen an den anderen Positionen: Was geschieht mit einer Bühnenbildnerin wie Anna Viebrock, wenn ein Christoph Marthaler nicht mehr eingeladen werden darf? Mit einer Schauspielerin wie Sophie Rois, wenn ein René Pollesch über die Klinge springen muss?

Und, fragen aufgeregte kritische Stimmen, was verrät der Entscheid über die Haltung gegenüber der doch eigentlich freien Jury (die übrigens mit dem Quotenplan einverstanden ist)? Welche schlimmen Einschränkungen bedeutet er für sie? Von den sieben Geschmacksrichter(innen) am Theatertreffen sind derzeit vier Frauen; ab Herbst werden vier davon Männer sein. Trotzdem wurden von der Jury jeweils deutlich mehr Stücke mit Männern in der Regieposition ausgewählt: Im Durchschnitt der letzten Jahre machten diese rund 75 Prozent der Selektion aus. Womöglich waren die schlicht besser?

Für Chancengerechtigkeit

Kann sogar sein. Dennoch sticht dieses Argument nicht, mit dem jeder Versuch von affirmative action im Sinne der Chancengerechtigkeit im Keim erstickt werden soll. Strukturelle Benachteiligung macht es erstens viel schwerer, die eigenen Talente überhaupt zu erkennen und zu pflegen – und zweitens, seine Fähigkeiten und Leistungen ins Rampenlicht zu rücken. Das zeigt sich etwa bei den weiblichen Studierenden allgemein an den Universitäten so wie auch bei anderen mehr oder minder subtil unterdrückten Gruppen.

Eine Frau muss nicht nur gut sein, sondern oft doppelt so gut wie ein Mann, um eine Kaderstelle zu erhalten. Quoten sind da zwar kein Wundermittel. Und sie mögen auch mal zu einem Fehlentscheid führen. Aber Fehlentscheide gabs am Theatertreffen – und anderswo – auch ohne Quote. Die Zeit für Quoten ist reif. Überreif.

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