Die rote Rose von Lancaster

In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten berneroberlaender.ch/Newsnetz-Journalisten heimliche Vorlieben. Heute: Historische Romane von Rebecca Gablé.

Al Pacino als Richard III, der Schrecken derer von Lancaster.

Al Pacino als Richard III, der Schrecken derer von Lancaster.

Mein Sündenbewusstsein ist ja nicht sehr ausgeprägt in kulturellen Angelegenheiten, es gab zum Beispiel eine Zeit, da trug ich völlig schamfrei mittelblaue Socken mit weissen Sternchen drauf, und das modisch Deviante daran wollte mir lang nicht in den Kopf. Von meinen Fernsehgewohnheiten nicht zu reden, Schamfreiheit ist da gar kein Ausdruck.

Nur etwas sticht mich doch, nicht gerade als Schuldgefühl, aber als leiser Selbstzweifel, und erlauben Sie mir, da etwas auszuholen: Das politische A-jour-Sein ist nicht so meins, nicht Herzensangelegenheit, sondern nur mangelhaft erfüllte Informationspflicht. Es ist mir das Gewesene oft näher als das Seiende. Jedoch ab und an trifft man Leute, deren Sätze immer anfangen mit «Ich bin halt ein Mensch, der ...», und dann sagen sie, dass sie eben vorwärts schauen und nie zurück, und fragen, vielleicht, wie man es so halte mit dem Heute und dem Morgen; und ich sag dann schon etwas akzeptabel Aktuelles, aber wenns von Herzen kommen sollte, müsste ich eigentlich antworten: Ich halte es mit dem Haus Lancaster. Und das liegt an diesen historischen Romanen der Rebecca Gablé.

Frohe Stunden in der Zeitkapsel

Die Frau Gablé, eine studierte Literaturwisschenschaftlerin, hat dicke, mittelmässige Bücher geschrieben, die mir ein unmässiges Vergnügen machen. Sie ist Deutsche mit einem Penchant zum englischen Mittelalter, und ihr Liebstes sind die Zänkereien in den königlichen Häusern Lancaster und York, welche zu den Blutbädern des Kriegs zwischen der weissen Rose (York) und der roten (Lancaster) führten und zu beider Geschlechter Fall. Sie hat die Waringhams erfunden, eine von den Zeitläuften ziemlich gebeutelte Adelsfamilie, welche immer treu zu den Lancasters stand, im Aufstieg und im Niedergang, und ich stehe mit ihr. Ich habe mich bei der Frau Gablé oft geärgert über ihren so vor sich hin plappernden Stil, verdanke ihr aber manch frohe Stunde in der mittelalterlichen Zeitkapsel, und item: Ihre Romane haben dazu beigetragen, dass ich mich besser auskenne mit den Schlachtordnungen auf den Feldern von Agincourt (1415) und Bosworth (1485) als mit der Ecopop-Initiative. Ich bekenne sie als meine Sünde.

Andererseits: Lesen Sie Gablé, wenn Sie wissen wollen, was ein Rosenkrieg wirklich ist (das ist nämlich nicht, wenn die Frau Dillier im «Blick» über den Herrn Guyer schimpft)! Und mit Shakespeare zu reden und auf gut Lancasterisch gesagt: «So pflücke, wer kein Feiger ist noch Schmeichler / Und die Partei der Wahrheit halten darf, / Mit mir von diesem Dorn ne rote Rose!»

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt