Hallo 2020, alles wird gut

Ob Klimakrise, Velowege oder Schweizer Fussball: Nun frönen wir dem Optimismus. Eine utopische Satire fürs neue Jahr.

Leonardo DiCaprio und Greta Thunberg in Los Angeles, November 2019. Bild: Instagram/leonardodicaprio

Leonardo DiCaprio und Greta Thunberg in Los Angeles, November 2019. Bild: Instagram/leonardodicaprio

10. Januar 2020:
Hinwiler CO2-Sauger beendet globale Klimakrise

Zuerst dachten alle, es sei ein Messfehler. Dann die erschütternde Erkenntnis: Es stimmt. Das menschenverursachte CO2 in der Schweiz war über Nacht auf null gesunken. Und die Filteranlage von Hinwil schluckte weiter wie verrückt: Kurz darauf waren die Nachbarländer ebenfalls CO2-neutral, bald ganz Europa und schliesslich die Welt. Kaum hatte das Jahr begonnen, war die Menschheit ihr grösstes Problem los. In einem ersten Interview mit TeleZüri sagte der Chef der Hinwiler Anlage, man sei froh «und auch ein wenig stolz», mit dem Sauger-Update 4.72 einen Beitrag zur Lösung der Klimakrise geleistet zu haben. Greta Thunberg kündigt an, für ihren Gratulationsbesuch in der Schweiz den Zug zu nehmen, obwohl Fliegen jetzt wieder okay sei. «Alte Gewohnheiten wird man schwer los», entschuldigt sich die Aktivistin.
Linus SchöpferDie Filteranlage von Hinwil. (Keystone)

15. Februar 2020
Lese-Virus bricht aus

In der Schweiz ist eine neue Leidenschaft ausgebrochen: das Lesen. Von Qualitätszeitungen, die plötzlich wieder florieren, und von Büchern. Was sie ausgelöst hat, ist noch unklar. Jedenfalls sieht man in Tram, S-Bahn und Zügen die Menschen nicht mehr mit dem Smartphone herumspielen, sondern rascheln und blättern! Sie lesen fundierte Leitartikel und dicke Romane. Vergessen darüber sogar das Aussteigen. Aus dem letzten Nachtzug müssen sie deshalb behutsam herausgeholt werden. Schon Schüler sind infiziert, im aktuellen Pisa-Ranking schlagen sie alle. Die Schweiz wird klüger, nachdenklicher und fantasievoller.
Martin Ebel

10. März 2020
Trump zieht sich zurück

Überraschung in den USA: Nach dem gescheiterten Impeachment hat Donald Trump angekündigt, er werde nun doch nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren. Per Twitter teilte er mit, Melania mache ihr Job als First Lady bekanntlich keinen Spass, und er wolle ihr künftig den Vortritt lassen. Sind das nun Fake News? fragte sich die Weltöffentlichkeit. Aber nein, Trump doppelte nach. Er höre gerade Aretha Franklins «Respect», twitterte er, der Song sei «fabulous». Ausserdem habe er sich für einen veganen Kochkurs angemeldet. Der letzte Tweet war dann dieser: «Make the world nice again». Seither hat man von @realDonaldTrump nichts mehr gehört.
Susanne Kübler

12. Mai 2020
Grosses Kino in Cannes

Endlich: Xavier Koller, Lisa Brühlmann, Marc Forster, Ursula Meier und das Solothurner Nachwuchstalent Ivo Hummer haben einen Episodenfilm über das Wesen der Schweiz gedreht. Es geht um Bankenexzesse, zerrissene Flüchtlingsfamilien und eine heimliche Heldin der Vorgärten – gespielt von Scarlett Johansson. Das Werk wird als Eröffnungsfilm nach Cannes eingeladen, es gibt eine halbstündige Standing Ovation, die Branchenblätter überbieten sich mit Lobeshymnen. Jurypräsident Steven Spielberg sagt mit Tränen in den Augen, er könne sich nicht erinnern, je einen so ergreifenden Film gesehen zu haben.
Hans Jürg ZinsliLisa Brühlmann reüssiert. (Keystone)

18. Juni 2020
Small is beautiful

In Zeiten wie diesen kommt die Eins zu ganz neuen Ehren. Wir richten uns neuerdings in Einzimmerwohnungen ein. Fahren am Morgen mit dem Einrad zur Arbeit. Im Restaurant sättigt uns schon ein frugaler Eingänger, dem nach Wiener Sitte ein Einspänner folgt. Am Abend wird im Fernsehen die Einkindfamilie diskutiert. In den Winterferien fahren wir Monoski. Und unsere Kreuzfahrten unternehmen wir bald mit dem Einbaum. Die neue Bescheidenheit macht uns erstaunlich gesprächig, so dass wir nicht zu Einsiedlern werden.
Christoph Heim

10. Juli 2020
Büetzer Buebe sagen Stadionkonzerte ab

Es hätte das grösste Mundart-Volksfest der Schweizer Musikgeschichte werden sollen. Doch nun haben Gölä und Trauffer ihre beiden Konzerte im Zürcher Letzigrund abgesagt – der Umwelt zuliebe. Die beiden Berner folgen damit dem Trend zum Tourverzicht, den die Band Coldplay eingeläutet hat. Kritiker von Gölä und Trauffer zeigen sich überrascht über diese grüne Wende bei den Büetzer Buebe, die in ihren Songs noch das Autofahren verherrlichten. Und selbst die Fans reagieren erfreut auf die Absage: Zürich, so der Tenor auf dem Land, sei eh eine «Schissstadt».
Benedikt Sartorius

13. Juli 2020
Die Schweiz ist Fussball-Europameister

In einem denkwürdigen Finalspiel hat die Schweizer Nationalmannschaft den grossen Favoriten Deutschland vernichtend geschlagen. Bereits in der ersten Minute erzielte Verteidiger Manuel Akanji nach einem Sololauf das erste Tor. Es folgte, was BBC-Co-Kommentator Pelé als «spektakulärsten Spielzug der Fussballgeschichte» bezeichnet: Ein Abstoss von Goalie Sommer auf Xhaka, der per Fallrückzieher-Flanke Shaqiri lancierte, der ebenfalls per Fallrückzieher traf. Der deutsche Captain Manuel Neuer gab nach der 0:7-Niederlage seinen Rücktritt bekannt – die Schweizer seien in den nächsten zehn Jahren nicht besiegbar, da könne er genauso gut aufhören. Der «Blick», der vor dem Turnier die Ausbürgerung der «Doppeladler» gefordert hatte, titelt heute: «Fliegt, stolze Adler, fliegt!»
Philippe ZweifelEin frustrierter Manuel Neuer. (Getty Images)

2. August 2020
Die Schweiz wickelt den Brexit ab

Am gestrigen Nationalfeiertag stand die Schweiz in Genf Pate bei der Unterzeichnung des sogenannten Breturn-Abkommens: Grossbritannien, im Januar unter Tumulten aus der EU ausgetreten, ist nun offiziell wieder Mitglied – «Britain returns». Aus Bern reiste, als Top-Unterhändler des Abkommens, Bundesrat Ignazio Cassis an; mit dem Zug. Der FDP-Politiker lobte im Rahmen der Zeremonie «das britische Bekenntnis zur europäischen Gemeinschaft und ihren Werten» sowie «die pragmatische Vernunft der Briten». Wünschenswert sei in diesem Sinne auch eine Art «Schwentry-Deal» mit der EU («Schweiz-Entry»).
Alexandra Kedves

22. September 2020
Aldi löst Food-Waste-Problem

Ein Ingenieur aus Roggwil TG hat eine neuartige Erntemaschine entwickelt, die Äpfel schon beim Pflücken sortiert. Die Früchte, die den Anforderungen des Detailhändlers entsprechen, werden wie gewohnt verpackt, die zu kleinen oder bereits allzu reifen Exemplare werden noch auf dem Feld zu Apfelmus verarbeitet. Ähnliche Maschinen für andere Früchte und Gemüse seien bereits in der Testphase, heisst es bei der Medienstelle. Diese sollen ab Herbst zum Beispiel auch Rüebli aussortieren: Unschöne Exemplare können wahlweise zu Babybrei oder zu Salat weiterverarbeitet werden. Künftig sollen so gut neun Zehntel des Food-Waste in der landwirtschaftlichen Produktion verhindert werden. Der Detailhändler teilte zudem mit, dass künftig 89 Prozent aller Frischwaren, welche das Ablaufdatum überschritten haben, schockgefroren und weiterverwendet würden.
Daniel BönigerFrüchte gespart in Hülle und Fülle. (iStock)

3. Oktober 2020
Velowegnetz ist komplett

Heute weihte Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga den letzten Tunnel des neuen Schweizer Velowegnetzes ein. Beim Zürcher Central können die Velofahrenden nun direkt unter der Erde nach Zürich-Oerlikon fahren, ohne dabei, wie zuvor, viele Höhenmeter überwinden und verkehrstechnisch heikle Kreuzungen passieren zu müssen. Auch in Bern, Basel, St. Gallen, Genf und Winterthur wurden grosse Teile des innerstädtischen Veloverkehrs in Tunnel und auf Hochwege, auf Pfeilern über die Strassen gebaut, verlegt. Die Wege, die weiterhin auf demselben Niveau wie der motorisierte Verkehr verlaufen, wurden verbreitert und einheitlich leuchtrot markiert und in Spuren für unterschiedliche Fahrgeschwindigkeiten unterteilt. Autos und andere grössere Fahrzeuge dürfen bereits seit letztem Monat nur noch mit Spezialbewilligung durch die Innenstädte der ausgewählten sechs Städte fahren.
Aleksandra Hiltmann

31. Dezember 2020
Glück in rauen Mengen

Alle guten Vorsätze für das Jahr 2021 werden obsolet. Wir müssen uns nichts mehr vornehmen, weil wir alles, was wir wollten, schon erreicht haben. Wir schweben auf Wolke sieben und strahlen uns gegenseitig an. In historischen Studien halten fröhliche Wissenschaftler fest, was einst unter «Unglück» verstanden wurde – selbst sie haben Mühe, die schwer verständlichen Texte zu entziffern und zu beschreiben, worum es sich dabei genau handelte. Denn dies alles liegt weit zurück in einer Vergangenheit, als es noch Mobbing, Ungleichheit und Bleisatz gab. Keine Ängste und Depressionen verderben unsere gute Laune, und der Silvester-Champagner fliesst in rauen Mengen, ohne einen Kater zu verursachen. Da das individuelle und das kollektive Glück so umfassend sind, bemerken wir es gar nicht mehr. So schön!
Guido Kalberer

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