Auf der wilden Seite des Lebens

Karlheinz Weinberger war fasziniert von starken Männern, Rebellen und der Kraft der Ästhetik. Das Kornhausforum zeigt sein einzigartiges fotografisches Werk erstmals in Bern.

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Junge Männer und Frauen in Jeans-«Monturen» und Cowboystiefeln, eiserne Ketten um den Hals, Porträts ihrer Helden Elvis Presley, James Dean und Brigitte Bardot an der Gürtelschnalle, herumlungernd an Jahrmärkten und Volksfesten: Schon 1997 waren vereinzelte Bilder des Zürcher Fotografen Karlheinz Weinberger in Bern zu sehen. Das Historische Museum hatte die erfolgreiche Ausstellung «A Walk on the Wild Side» vom Stapferhaus Lenzburg übernommen.

In der Schau, welche sich mit den Schweizer Jugendszenen seit den 1930er-Jahren auseinandersetzte, waren Weinbergers Bilder von sogenannten Halbstarken ein Blickfang. Oft waren es Gruppenbilder, auf denen sich die Jugendlichen forsch und selbstbewusst gaben, sich gegenseitig unterhakten, Bier tranken oder für den Fotografen zärtliche Raufereien inszenierten.

In den späten 1950er-Jahren waren die «rebels without a cause» auch in Schweizer Städten aufgetaucht. Sie waren alles andere als salonfähig – und wollten es auch nicht sein. Die mit dem Wirtschaftswachstum beschäftigte Erwachsenenwelt fühlte sich von den demonstrativen Nichtsnutzen und ihrer herausfordernden Gleichgültigkeit und Freizügigkeit provoziert. Bald schon wurden die Halbstarken kriminalisiert und in den Untergrund gedrängt.

Ein Nonkonformist

Die späte Anerkennung und die Tatsache, dass man seine Halbstarkenbilder in Museen und Bücher zu zeigen begann, schmeichelte dem 1921 geborenen Karlheinz Weinberger. Doch der unauffällige Nonkonformist mit den dicken Brillengläsern, der fast das ganze Leben in der gleichen Wohnung in der Zürcher Kalkbreite wohnte und 31 Jahre lang als Lagerist in den Siemens-Werken arbeitete, wollte mehr sein als «der Halbstarkenfotograf». Seine eigene vermeintliche Biederkeit nutzte er als Tarnung, wie es sein Vertrauter Patrik Schedler in der lesenswerten Biografie «Karlheinz Weinberger oder Die Ballade von Jim» beschreibt. Er fühlte sich zum Aussergewöhnlichen und zu den «Anderen» hingezogen, die kein normales Kleinbürgerleben führten.

Das hing auch mit seiner Homosexualität zusammen, die er offen lebte, was in der engen Nachkriegs-Schweiz alles andere als selbstverständlich war. Der Amateurfotograf wurde Mitglied der Homosexuellenverbindung «Der Kreis». Für deren Publikationen begann er unter dem Pseudonym «Jim» Bilder beizusteuern. Bilder von starken Männern mit wenig Kleidern, die von einem ganz eigenen fotografischen Blick zeugten.

Ikonen der Subkultur

Einige dieser frühen Männerbilder, entstanden an Ferienorten wie Sizilien oder Lampedusa, aber auch unkonventionelle Sportfotografien, die Weinberger im Auftrag einer Zeitschrift schoss, sind nun bis zum 4. August in der Ausstellung «Halbstark, schön und rebellisch» zu sehen, die ihm das Kornhausforum widmet. Nach dem Tod des Fotografen 2006 reiste sein Werk um die ganze Welt. Kürzlich wurde es in grossen Retrospektiven an den «Rencontres de la photographie» in Arles und der Zürcher Photobastei ausgestellt, nun zeigt das Kornhausforum erstmals eine (fast) umfassende Werkschau.

Die Auswahl der Bilder traf Kornhausforum-Leiter Bernhard Giger in Zusammenarbeit mit der Pariser Galerie Esther Woerdehoff. Im Zentrum stehen auch hier die Halbstarkenbilder, die weltweit einzigartig und mittlerweile Ikonen der Subkultur sind. Die Ausstellung legt ein Schwergewicht auf Porträts von jungen Halbstarken, neben Männern auch immer wieder Frauen. Diese Bilder vermitteln eine manchmal schwer erträgliche Nähe und zeigen dabei auch die verletzliche Seite und jugendliche Unschuld der Rebellen. Eine Unschuld, die sie trotz des heldenhaften Posierens vor der Kamera, meistens im vertrauten Umfeld von Weinbergers mit Erinnerungsstücken vollgestopften Altbauwohnung, nicht verbergen konnten.

«In der Gruppe waren wir immer stark, nur allein waren wir halbstark», brachte es ein Jugendlicher einmal auf den Punkt. Oft sind diese Bilder erotisch aufgeladen – auch die Frauenporträts. «Wenn Weinberger sie fotografierte, schenkte er den Frauen die gleiche Aufmerksamkeit wie den Männern, mit denen sie herumzogen», sagt Bernhard Giger. «Vielleicht ist es, weil man das unter so vielen Männern nicht unbedingt erwartet, aber von den Frauenporträts aus dem Zürich der frühen Sechziger geht eine ganz besondere Sinnlichkeit aus.»

Alltag und Doppelleben

Mit den ersten Halbstarkenfotografien habe Karlheinz Weinberger ein Doppelleben beginnen müssen, merkt sein Biograf Patrik Schedler an. Denn auch in den gebildeten Zirkeln der Schwulenbewegung blieben die Halbstarken mit ihren amerikanischen Jeans als Symbol der individuellen Freiheit suspekt. Für Weinberger war der Umgang mit den jungen Wilden (nach dem Verschwinden der Halbstarken waren es Motorradgangs wie die Hells Angels) denn auch ein Abenteuer, das er nicht an die grosse Glocke hängte.

Anders als der Fotograf Jürg Hafen, dessen Bilder der Berner Punks das Kornhausforum 2015 ausgestellt hat, war Karlheinz Weinberger nicht selber Mitglied der Jugendszene, die er fotografisch dokumentierte. Und doch blieb er nicht einfach ein Reporter, denn seine Fotografien waren sein Leben. Ein Leben, das er vom Berufsalltag klar trennte und das für ihn nach eigenen Aussagen jeweils am Freitagabend begann und am Montagmorgen endete. «Karlheinz Weinberger war nicht nur der Fotograf der Schweizer Subkultur, er war selber, durch seine Fotografie und in seiner Biografie, Teil von ihr», meint Bernhard Giger. «Er stand in der Mitte der Gesellschaft, aber er war ein Kind der anderen, der wilden Seite.»


Ausstellung: Karlheinz Weinberger – Halbstark, schön und rebellisch, Fotografien 1950–1990, Kornhausforum, Bern, Stadtsaal. Bis 4.8.2019, jeweils Dienstag bis Sonntag.

Buch: Patrik Schedler: «Karlheinz Weinberger oder Die Ballade von Jim», Limmat-Verlag.

Berner Zeitung

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