Generation Schulhof-CD

Gabriel Vetter über kriegerische Frühförderung.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter. Bild: Hazel Brugger

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Erstens: Man kann vom ­ostdeutschen Neo-Nazi-­Nachwuchs ja halten, was man will, aber es soll noch einer behaupten, die Jugend von ­heute sei nicht politisch.

Zweitens: Die Aufmärsche zu Chemnitz sind der neuste Beweis dafür, dass Bildung langfristig gesehen sehr wohl funktioniert. Denn 14 Jahre nachdem die NPD Sachsen und andere selbst ernannte Ver­bände der heimatdeutschen Erziehungsfront den ansässigen Nachwuchs flächendeckend mit rechtsradikalen Schulhof-CDs eingedeckt haben, können sie nun frohen Mutes und springerbestiefelt mit der Ernte dieser musikalischen Indoktrinations-Saat durch die Strassen marschieren.

Aristophanes sagte, «Menschen bilden heisst nicht, Gefässe zu füllen, sondern Menschen zu entfachen», und heute streitet sich Deutschland darüber, ob der entflammte Nazi im Osten nun halb voll ist oder halb leer.

Vom Erfolg dieses wegweisenden Pilotprojekts «Generation Schulhof-CD» will nun auch die Schweizer Armee profitieren. Wie in dieser Zeitung zu lesen war, wollen die kantonalen Armeedirektoren an Schulen für die Armee werben, um die Jugend langfristig für die Landesverteidigung zu be­geistern und den Soldatennachschub auch in Zeiten von boomendem Zivildienst und patriotischem Schlendrian aufrechtzuerhalten.

Die Schweizer Armee möchte also nicht den Weg der USA gehen und mit den Lehrerinnen und Lehrern eigentliche Zivilisten bewaffnen, sondern direkt das Militär an die Erziehungsfront schicken. Man muss, gerade in der Schweiz, die Kinder langsam und behutsam an die Panzerhaubitzen heranführen. Denn in Sachen bewaffneter Konflikt gilt noch immer das helvetische Schreckensszenario: Stellt euch vor, es geht, und keiner kriegts hin!

Auch dafür, wie ein «Schulfach Militär» in der Praxis aussehen könnte, gibt es bereits konkrete Ideen: Angelehnt an den Sexkoffer, mit welchem dem heranwachsenden basel-städtischen Schnacksel-Volk seit ein paar Jahren spielerisch der Beischlaf nähergebracht wird, würde die Armee allen Primarklassen des Landes ein «Artillerie-Truckli», ein «Munitions-Böxli» oder ein «Rüstungs-Schublädli» zur Verfügung stellen. Je nach Klassenverband wären diese pädagogisch aufbereiteten Materialkoffer mit Handgranaten aus Plüsch, ergonomischen Maschinengewehren aus Holz (FSC) oder dem farbenfrohen Bildband «Globi in Stalingrad» ausgestattet.

Fakt ist: Die Schweiz ist in Sachen bellizistischer Frühförderung ein Entwicklungsland. Man hinkt Staaten wir Liberia, Burma oder Uganda hinterher, wenn es darum geht, die Jugend für den bewaffneten Konflikt zu begeistern. Ein Grund mehr, in Zusammenarbeit mit diesen Ländern das Schüleraustausch-Programm «Erasmus Munizio» spätestens ab Stufe Sekundarschule zu forcieren. Denn gut uniformierte Pädagogen sind sich einig: Erfahrungen im Ausland zu sammeln, ist für jedes Schweizer Kind ein Gewinn fürs Leben. Denn für die einen mögen es nur «Kindersoldaten» sein, aber für den Schweizer Berufsoffizier sind es die kompaktesten Krieger der Welt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2018, 14:51 Uhr

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