Geschichten, die die Fasnacht schreibt

Banker in Frauenkleidern, umgenutzte Flaschen: Fasnachts-Kenner packen aus.

Szene vom «Urknall», dem Luzerner Fasnachtsbeginn. (28.2.2019).

Szene vom «Urknall», dem Luzerner Fasnachtsbeginn. (28.2.2019).

Der Urknall hat geklöpft. Jetzt rollen sie wieder, die schweren, barock verzierten Wagen. Trompeten wieder, die Guggen. Wackeln wieder, die Grinden. In Luzern ist die Fasnacht ausgebrochen. Sie dürfte erneut Zehntausende anlocken.

Drei eingefleischte Fasnachtskenner erzählen uns pünktlich zum heutigen Fasnachtsbeginn ihre Anekdoten: Peti Federer, ehemaliger Zunftnarr der Zunft zu Safran. Heinz Spörri, ehemaliger Zunftmeister der Wey-Zunft. Und Marco Thomann, Mitglied der Maskenmanufaktur und Fasnachtsexperte von SRF.

... das «Problem» mit zu grossen Umzugswagen.
Spörri: «Die grossen Umzugswagen der Zünfte werden in der einstigen Luzerner Zeppelinhalle gebaut. Dass ein Wagen zu gross ist, kommt ja öfter vor. Da lässt man halt etwas Luft aus den Reifen. Einmal war er aber trotz aller Tricks zu gross. Nun, da musste eben die Wand rausgebrochen werden.»

... der Banker in Frauenkleidern.
Federer: «Die Fasnacht ermöglicht es uns Luzernern seit dem Mittelalter, aus gesellschaftlichen Rollen auszubrechen. Frauenthemen wirken geradezu magisch. Da gibt es immer Männer, die sich aufreizend verkleiden möchten. Und dann läuft der Banker plötzlich in hohen Stiefeln als Puffmutter über die Strasse.»

... die Sache mit der Flasche.
Thomann: «Ich kommentierte einen Fasnachtsumzug, der gut drei Stunden dauerte. Weil meine Stimme weg war, habe ich viel Tee bekommen, ein Tipp vom TV-Team. Und plötzlich musste ich dringendst auf die Toilette. Bei einer laufenden Produktion kann man natürlich nicht aus der Kommentatorenkabine. Da hab ich meinem Co-Kommentator Lorenz Fischer gesagt: ‹Lorenz, jetzt musst du stark sein, ich muss in die Flasche brünzle.›»

... derangierte Fasnachtsanführer.
Federer: «Dass man vor dem Schmutzigen Donnerstag um zehn nach Hause will, um am Morgen seine Truppe fit anzuführen, dann kaum noch aus der Beiz herausfindet, morgens um vier total labil vor seinen Leuten steht und erst im Verlauf des Tages allmählich zurechnungsfähig wird – so was kommt vor, ist bei mir auch schon vorgekommen.»

... das «Intrigieren».
Spörri: «Das Intrigieren gehört zur Fasnacht. Ich erlebte einmal, wie eine ganze Kletterseilschaft, verkleidet mit Knickerbockers und roten Socken, ein Restaurant betrat. Dann begannen sie zu klettern. Sie stiegen auf die Tische, brüllten Kommandos. Der eine oder andere bekam Konfetti ab, auch ins Essen. Heute gibt es das Intrigieren nicht mehr so häufig. Warum? Weil es mehr Fremde an der Fasnacht hat. Man kennt sich nicht mehr so gut, kann sich weniger erlauben.»

... der «Ernst».
Spörri: «Die Fasnacht hat ihre ernsthaften Seiten, das darf man nicht vergessen. Denken wir etwa an die Fasnachtsgewaltigen, die in schwarzen Anzügen, mit einer Goldkette um den Hals und einem Szepter in der Hand durch die Strasse schreiten.»

... die «Grinde».
Federer: «Die Grinde sind manchmal so schwer, dass der Tambourmajor nach der Fasnacht schon mal ein paar Wochen Physiotherapie einlegen muss – weil es ihm den Nacken lädiert hat. Aber so was hat ein Fasnächtler auszuhalten.»

... und die fehlenden «Grinde».
Spörri: «Eigentlich hätten die Fasnachtsoberen ja alle extra für sie angefertigte, teure Grinde. Aber sie tragen sie nicht. Warum? Weil man sie auf der Strasse nicht mehr erkennen würde.»

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