Hemingway hätte es gefallen

Hintergrund

Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest bewahrt sich seinen archaischen Kern – der fortschreitenden Eventisierung zum Trotz.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Ja, sie klopften sich das Mehl fair vom Rücken. Und ja, Peter Bichsel hat sicher recht, wenn er in seinem hymnischen Essay «Ich wünsche mir einen friedlichen Sonntag» (2010) sagt, dass es bei Schwingfesten auch ums Zusammensein gehe.

Und doch kamen die Zehntausenden nicht in erster Linie wegen der Nettig­keiten. Sie wollten Kämpfe sehen. Harte, unerbittlich geführte Kämpfe. Sie wollten das Rutzen und das Murksen sehen, das trickreiche Aushebeln und das Bodigen. Sie wollten die Gefühle durchleben, die diese Variation des Ringens, deren Ursprung tiefer zurückreicht als alles, was nur im Ansatz schweizerisch genannt werden kann, auch 2013 hervorbringt. Sie wollten die Tragödien und die Triumphe, den Ring als Ring des Feuers und als Brennglas der Emotionen. «Zu einer Zeit, als unsere Vorfahren noch Felle trugen, werden sie sich zweifellos am Fell gepackt haben, insofern die Felle genügend solid waren», heisst es im Lehrbuch des Eidgenössischen Schwingerverbands von 1912.

Mut, Wut, Zweifel

Archaische Gewalt bekamen die über 50 000 Zuschauer in der Arena reichlich zu sehen. Da war der kolossale Berner Christian Stucki, der seine Gegner im wahrsten Sinn plättete. Da war das Drama um Kilian Wenger, den König von Frauenfeld. Die vielen Mädchen, die allein wegen ihm ins Emmental gekommen waren, schrien auf, als der Sunnyboy von einem unbekannten Luzerner am Samstagmorgen in die «Brücke» gezwungen wurde, und sie gingen enttäuscht nach Hause, nachdem Wenger tatsächlich entthront worden war. Und zuletzt natürlich der finale Kampf um Wengers Nachfolge, in dem mit Matthias Sempach gegen Stucki auch Technik gegen Kraft antrat.

So wie Ernest Hemingway den spanischen Stierkampf sah, lässt sich auch das Schwingen sehen, als Schauspiel, bei dem extreme körperliche Erlebnisse und damit menschliche Regungen unmittelbar sichtbar werden: Entschlossenheit, Hartnäckigkeit, Mut und Wut, aber auch Zweifel, Furcht und Feigheit. Auf dem Schwingplatz gibt es keine Toten, dennoch ist er wie die Stierkampf-Arena ein künstlich geschaffener Raum, der den Zuschauern, die ein von den Zumutungen von Natur und Kampf glücklicherweise abgedichtetes Leben führen, ungesehene Einblicke ermöglicht.

Dabei sieht der Betrachter weniger die «Naturkraft der tapferen und kampfesmutigen Vorfahren» am Werk, wie das Gottfried Keller einmal festgestellt hat, sondern vielmehr existenzielle Zustände. Und wie beim Stierkampf begutachtet der Kenner das Spektakel lakonisch, lässt das Auf und Nieder scheinbar ungerührt an sich vorbeiziehen. «Ist halt wie eine Welle», sagte ein Berner auf der Stehplatztribüne, nachdem Stucki mal wieder erfolgreich gewuchtet hatte.

Valium fürs Volk

Das Eidgenössische teilt diesen archaisch-universellen Kern mit anderen traditionellen Kampfsportfeiern. Während jedoch beispielsweise beim Boxen Zuschauer aufgeheizt, Sieger erhöht und Verlierer erniedrigt werden, ist im Schwingen das Gegenteil der Fall – was nun tatsächlich als helvetische Eigenart gesehen werden kann. Folklore war in Burgdorf unter anderem auch Valium fürs Volk. Die bedächtigen Jodler-Gruppen, die neben dem Sägemehl Position bezogen, harmonisierten die Stimmung und beruhigten die erhitzten Gemüter. Zwei wuchtige Verstärker vor jeder Tribüne verschafften ihnen dabei das nötige Gehör.

Abseits des Festprogramms und ausserhalb der Schwing-Arena wurde die Folklore heuer allerdings wie befürchtet stark bedrängt. Beinahe würgend die Umarmung der Sponsoren – von der Grossbank über den Detailhändler bis zum Automobilkonzern –, die sich mit markigen Sprüchen überboten und ihre Angestellten mitunter in Fantasietrachten steckten. Etwas verloren wirkte zwischen ihren grossen Containern der Steinstosswettbewerb.

Zu sehen waren eine Industrialisierung («Mega-Raclette») und eine Trivialisierung («Ethno-Chic») des Volkstümlichen, wobei man die Stände der lokalen Metzger, Bäcker und Käser ebenfalls fand – wenn man denn nach ihnen suchte. An den Rändern des 90 Hektaren grossen Festgeländes unterschied sich das Eidgenössische nicht von grossen Musikfestivals. Es wummerten die Bässe, Radiomusik plärrte, Fast Food wurde angeboten, die üblichen Kleinkünstler traten auf.

«Seither kommen die Städter in grosser Zahl»

Seit 2004 wird die Schwingkultur mit Vehemenz kommerzialisiert, damals wurde das Eidgenössische in Luzern ausgetragen. Vielleicht spielte die Identitätskrise nach dem 11. September und dem Swissair-Grounding eine Rolle, mit Sicherheit aber die erstmalige Liveübertragung durch das Schweizer Fernsehen. «Seither kommen die Städter in grosser Zahl», sagt Manuel Röösli, der Redaktions­leiter der Schwingerzeitung «Schlussgang» ist und regelmässig in der NZZ übers Schwingen schreibt.

Die Swissness-Sehnsucht hat die gleichen Folgen wie der Massentourismus: Die vielen Städter, die der Urbanität entfliehen möchten, lassen die Schwingfeste zu Massenveranstaltungen anschwellen und locken damit die urbanen Grossfirmen und ihre Vermarkter an. In Burgdorf gab es aber nicht mehr nur die Stadtzürcher Pärchen, die werktags Büro­arbeit verrichten, sich nun beflissen in Edelweiss-Hemden gekleidet hatten und auf etwas Rauheit hofften. Auch die nächste Publikums-Evolution war vereinzelt zu beobachten: Junge Männer mit Bärten, Indie-Rock-Shirts und Hornbrillen, die gelangweilt übers Gelände schlurften und sich ironisch unter­hielten («Das Jodeln dürfen wir nicht verpassen! Hähä»).

Das Wrestling als Horror

Die traditionellen Anhänger seien argwöhnisch geworden, sagt Rössli. Doch bis dato hat sich der archaische Kern des Sennenkampfs gut erhalten – ein Kern, der auch die Domestizierung durch die Patrioten des 19. Jahrhunderts und die Folklorisierung während der geistigen Landesverteidigung der 1930er-Jahre überlebt hat. Dennoch kann die Kommerzialisierung den Brauch des Schwingens im Innersten treffen. Als Negativbeispiel gilt das Boxen, das in den letzten dreissig Jahren korrumpiert wurde und dessen Aussenwahrnehmung durch Betrügereien im Ring massiv Schaden ge­nommen hat. Der grösste Horror für ­Röösli und die Traditionalisten ist allerdings das Wrestling mit seinen spektakulären, aber abgekarteten Kämpfen. Seine Erwähnung provoziert allergische Reaktionen; das sei nur Show, ruft Röösli aus.

Noch halten die Leitplanken, etwa das reglementierte Sponsoring und ein bescheidener Gabentempel, die die Schwinger vor dem Druck und der Verlockung bewahren. Noch stimmt es, wenn Röösli sagt: «Das Drumherum verändert sich, das Schwingen bleibt gleich.» Das grosse Geld tangierte die Kämpfe, die in einer wie eh werbefreien Arena ausgetragen wurden, nicht; das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Burgdorf geht als Fest mit einem intakten Kern und einem aufgeschwemmten Rahmen in die Geschichte ein.

Hemingway hätte es gefallen. Ob Peter Bichsel im Schwingen auch künftig noch eine soziale Idylle findet, ist eine andere Frage.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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