Liebe für ein Monstrum

Ernst Hankes Steindruckmaschine von 1904 steht zum Verkauf. Ein Deutscher in Stockholm will das Un­getüm erwerben. Doch der Transport nach Südschweden stellt ihn vor ernsthafte Probleme.

Ernst Hanke: Der Noch-Besitzer auf der Schnellpresse. Hinter ihm ein Teil seiner Druckplattensammlung.

Ernst Hanke: Der Noch-Besitzer auf der Schnellpresse. Hinter ihm ein Teil seiner Druckplattensammlung.

(Bild: Christian Pfander)

Michael Feller@mikefelloni

Das Unterfangen scheint hoffnungslos. 11 250 Franken will Patrick Wagner sammeln. Auf der Crowdfundingplattform Kickstarter.com hat er seine Seite eingerichtet, auf der man spenden kann. Titel: «Lasst uns eine 114 Jahre alte, 7,5 Tonnen schwere Lithografie-Schnellpresse von der Schweiz in ihre neue Heimat in Südschweden transportieren.» Das wird klappen, da ist sich der 37-jährige Deutsche sicher. Und es sieht gut aus.

Am Telefon erzählt der Künstler, der an der ­königlichen Kunsthochschule in Stockholm unterrichtet, wieso er sechs Autostunden von der schwedischen Hauptstadt entfernt eine Scheune zu einer Werkstatt ausbaut, dafür einen 30 000-Euro-Kleinkredit aufnimmt, den er in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird abstottern müssen: «Ich habe mich in die Arbeit an solchen Maschinen verguckt.» Damit ist Leidenschaft für den Duft der Druck­farbe verbunden, für den Klang der Walzen, für das handfeste Handwerk, das Kunst bei ihrer Vervielfältigung veredelt.

Das Feuer lodert weiter

Die Suche nach der 114 Jahre alten Schnellpresse führt uns nach Ringgenberg oberhalb von Interlaken. Am stotzigen Hang ist die Werkstatt von Ernst Hanke (73), und hier steht es, das Fossil, ­hergestellt in der «Maschinenfabrik Johannisberg Klein, Forst, Bohn Nachfolger in Geisenheim a. Rh.», kurz «MJG, 1904», wie auf den Plaketten am hinteren Ende der 4 Meter langen Maschine steht. Mit bester Aussicht auf den Brienzersee, der 50 Meter weiter unten den tief liegenden Himmel spiegelt, hat die Druckmaschine hier ihre Dienste geleistet, während fast dreissig Jahren. Noch drei solcher Maschinen gibt es laut Hanke in der Schweiz, eine noch grössere steht bei Wolfensberger in Zürich.

Patrick Wagner: Er will die Maschine nach Schweden holen. Foto: zvg.

Es ist nicht so, dass Ernst Hankes Feuer nicht mehr loderte, jetzt, wo die langjährige Beziehung zwischen Mensch und Maschine enden soll. Wenn er die Maschine anwirft, tönt sie fast wie eine Lokomotive. Die Stahlkonstruktion und die grossen Zahnräder in ihrem Bauch er­innern auch ein wenig daran. Und die Grösse. Ein Monstrum, «ja, das trifft es nicht schlecht», findet Hanke. Seit seiner Lehre bei Orell Füssli in Zürich in den 60er-Jahren hat er eine Schwäche für die Schnelldruckmaschinen. «Wir mussten noch das alte Handwerk lernen, um das neue zu begreifen.»

«Die Leute suchen das Risiko»

Die Lithografie ist in der Druckindustrie eine längst überholte Technik, sie wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts – als Hankes Maschine in Geisenheim hergestellt wurde – vom Offsetdruck abgelöst. Doch für die Kunst ist sie bedeutend geblieben, bis heute. Auch wenn die Bearbeitung der Kunstwerke am Computer unendlich mehr Möglichkeiten bietet und auch wenn heute jeder Schritt rückgängig gemacht und jeder Fehler korrigiert werden kann. Das geht beim Steindruck nicht. Entweder man akzeptiert kleine Fehler als Teil des Werks oder fängt wieder von vorn an. «Die Leute suchen dieses Risiko», sagt Ernst Hanke.

Ernst Hanke, seine Frau Erika und seine Mitarbeiter haben in der Werkstätte zusammen mit Künstlern gearbeitet, rund hundert Kunden hatten sie über die Jahre. Langjährige Freundschaften sind entstanden zwischen den Künstlern, die wussten, was werden soll, und dem Drucker, der wusste, wie. Für renommierte Kunstverlage hat man Auflage produziert. Eine besonders enge und ergiebige Zusammenarbeit bestand mit Paul Wunderlich, dem deutscher Maler, Zeichner, Bildhauer und Grafiker, der von 1927 bis 2010 gelebt hat. Hankes Stärke ist, dass er selbst den Blick des Künstlers kennt – und sein Fach versteht wie wenige.

Trotz des Verkaufs der Druckmaschine – den Preis behalten Hanke und Käufer Patrick Wagner für sich – will der Druck­meister seine Passion nicht auf­geben. «Jetzt missioniere ich noch ein bisschen», sagt er und lacht. Er weiss, dass er ein An­gefressener ist. Seine Frau Erika könnte ein Lied davon singen. An Lithografiekongresse reist sie nicht mehr mit. Sie hat Hanke schon genug über seine Leidenschaft sinnieren hören. Er aber will weiterhin durch Europa reisen und in Druckateliers in Grafikmuseen auf alten Lithomaschinen drucken, mit Künstlern arbeiten und Wissen weitergeben.

30 Tonnen Steine

Es sprudelt nur so aus ihm her­aus. Hanke spricht darüber, wie er von anderen Druckern über die Jahre neue Techniken gelernt hat, er spricht von Alaunsalzen, von seinem selbst geschöpften Papier und zeigt die Drucksteine. Sie sind gross wie ein Laib Käse und zehnmal so schwer, aus kohlensaurem Kalkstein, abgebaut in den Steinbrüchen von Soln­hofen oder Kehlheim in der Nähe von Nürnberg. «Nur dort gibt es die Qualität, die es für den Lithodruck braucht.» Insgesamt hat Hanke eine Sammlung von 20 bis 30 Tonnen Stein, alten Druckplatten aus dem Lager, die er mit der Druckmaschine vor dreissig Jahren von der Stadt Thun übernommen hat. Ein Teil der Steine ist in der Werkstatt untergebracht, der grosse Rest irgendwo rund um das Haus. Auch sie müssen irgendwann weg.

Hanke pflegt zwar ein altes Handwerk, ist aber nicht der Althippie, der in der Vergangenheit hängen geblieben ist. Rein optisch müsste sich der Mann mit wildem Haar und wildem Bart ­dafür nicht verstellen. Doch der 73-Jährige nutzt die modernen Mittel von heute, um sich zu vernetzen. In Lithografiegruppen auf Facebook tauscht er sich mit anderen Steindruckern aus. Die Schweizer Szene sei klein, die internationale aber sehr lebendig.

75 Prozent gesammelt

Weil er gut vernetzt und viel unterwegs ist, hat er für seine Schnelldruckpresse auch einen Käufer gefunden. 2015 haben Wagner und Hanke erstmals zusammen gedruckt, seither jedes Jahr mit Wagners Studenten im Litografiska Museet südlich von Stockholm. So ist die Freundschaft entstanden, die zum Verkauf geführt hat. Schnellpressen werden längst nicht mehr hergestellt. Entweder man gibt sie weiter, oder sie landen im Altmetall.

Es sieht gut aus für Wagners Crowdfunding. Am Donnerstagmorgen hatte er drei Viertel der 11 250 Franken zusammen. Doch was macht den Transport so unglaublich teuer? Wagner erklärt: Erst müsse die Front von Hankes Werkstatt ausgebaut werden, die Maschine auseinandergebaut und mit einem Kran auf einen Kleinlaster verladen werden – weil das Zufahrtssträsschen zur Werkstatt kein schweres Gefährt aushält. Oben im Dorf wird auf den 40-Tönner verladen. Abbau, Transport und Aufbau der Maschine werden von einem aus­gewiesenen Spezialisten für solche Fälle ausgeführt und be­gleitet.

Ein grosses und teures Abenteuer für den neuen Besitzer. Er wird nicht wie Hanke ausschliesslich an dieser Lokomotive aus der vorletzten Jahrhundertwende drucken können in seiner Scheune in Südschweden. Schliesslich hat er noch seine Studenten in Stockholm. Aber der alte und der neue Besitzer teilen die Passion. «Es ist einfach traumhaft, wie es riecht und wie sich alles bewegt», sagt Wagner.

Das Crowdfundingläuft bis zum 22. Juni: www.kickstarter.com, suchen nach «Schnellpresse».

Berner Zeitung

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