Reality-TV aus der Bienenzucht

Mit «Le meraviglie» gewann die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher in Cannes den Jurypreis. Ihr zweiter Spielfilm wirkt eingangs sperrig. Dann entwickelt er einen geradezu hypnotischen Sog.

Skeptisch: Die Mutter (Alba Rohrwacher, rechts) und ihre Aussteigerfamilie sind in «Le meraviglie» plötzlich Teil einer bizarren Fernsehshow.

Skeptisch: Die Mutter (Alba Rohrwacher, rechts) und ihre Aussteigerfamilie sind in «Le meraviglie» plötzlich Teil einer bizarren Fernsehshow.

(Bild: zvg)

Am Anfang steht ein Aussteigertraum: die Idee, eine Familie wie eine Kommune zu führen und auf Selbstversorgung zu setzen. Doch dieser Wunsch ist ausgeträumt. Das Haus im Niemandsland zwischen Toskana und Umbrien wirkt verlottert. Die Eltern (Alba Rohrwacher und Sam Louwyck) rackern sich ab, mit Bienenzucht und Honigproduktion. Eine Bekannte der Familie, gespielt von der Bernerin Sabine Timoteo, packt ebenfalls mit an, wenn auch selten. Es ist die 12-jährige Gelsomina (Maria Alexandra Lungu), die die Fäden des Familienbetriebs zusammenhält, ihre Geschwister betreut und weiss, wo es Hand anzulegen gilt.

Der harte Alltag dieser zusammengeschweissten Gemeinschaft wird aufgemischt durch die Ankunft eines Fernsehteams, angeführt von einer glamourösen Moderatorin (Monica Bellucci). Eine bizarre Show wird produziert, in der sich italienische Landwirtschaftsbetriebe mit ihren Produkten ein Preisgeld streitig machen.

Gelsomina ist fasziniert und will teilnehmen, die älteren Familienmitglieder ziehen widerwillig mit. Und tatsächlich: Die unspektakuläre Existenz der Familie deckt sich nur mangelhaft mit dem pittoresken Italienbild, das der Sender vermitteln möchte.

Hinweise und Erklärungen

Die Autorin und Regisseurin Alice Rohrwacher – sie ist die Schwester der Schauspielerin – erzählt diese Familiengeschichte mit vielen Aussparungen; mit dem Mut, wesentliche Punkte der Handlung unerklärt zu lassen.

Woher kommen diese Menschen ursprünglich? Warum wird auf dem Gut ein Sprachengemisch aus Italienisch, Deutsch und Französisch gesprochen? Wer sind diese Jäger, die bereits in der Eröffnungsszene des Films um das Haus streifen? Haben die Bienen eine tiefere Bedeutung? Vieles davon muss man sich zusammenreimen. Im Gespräch mit dieser Zeitung verteidigt Rohrwacher ihren impressionistischen Stil: «Ich finde Hinweise spannender als Erklärungen. Es gehört sogar zur Essenz des Films, dass die Zuschauer die Möglichkeit haben, ihn weiterzudenken und sich eine eigene Meinung zu bilden.»

Realität und Traum

Diese Vagheit wirkt eingangs sperrig, der Einstieg in die geschilderte Welt braucht seine Zeit. Doch je länger dieses Aufeinanderprallen einer dysfunktionalen Familie mit einer surrealen Medienwelt dauert, desto faszinierender wirkt es.

«Le meraviglie» ist keine Satire über das Berlusconi-TV im harten Landleben, sondern eine weit komplexere Studie über Realität und Traum, über innere Befindlichkeit und öffentliche Wahrnehmung.

«Le meraviglie»: Der Film läuft ab Donnerstag im Kino. Infos: www.kino.bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt