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Sister Act

Güzin Kar über Feminismus als Volksgut.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone
Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

Hallo, Volkspartei, wir müssen reden. Nicht so, wie du denkst, brauchst nicht Zigaretten holen gehen. Ich will mich entschuldigen für meinen Denkfehler, was dein Frauenbild angeht. Bis vor kurzem war ich überzeugt, dass du, sobald eine Feministin – oder etwas, das entfernt daran erinnert – in dein Gesichtsfeld rückt, demonstrativ anfängst, deine Eier zu kraulen, um der Alten zu zeigen, wer Herr im Land ist. Im übertragenen Sinne. Diskussionen mit euren Anhängern in den asozialen Medien über Frauenrechte und Rollenbilder mündeten ­regelmässig in Diagnosen wie: «Das sieht nur eine frustrierte Emanze wie du so.»

Und jetzt der grosse Sinneswandel, denn was lese ich auf einem eurer Schäfchenplakate: «Mehr Schutz für unsere Frauen und Töchter!» Und obwohl ich selber keine Frauen besitze, habe ich jubiliert. Verdammt, das mit dem Schutz ist ein urfeminis­tisches Anliegen, und dass es nun aus dem früheren Feindeslager kommt, lässt meine inneren Harfen erklingen. Meine liebe Schwesterliche Volkspartei und eure getreuen Wählerinnen (ist doch okay, wenn ich von jetzt an nur noch die weibliche Schreibweise benutze?), lasst euch in den Arm nehmen und drücken. Denn was uns drögen Emanzen nie so recht gelang, haben Sister Christoph («Sista Christa» fände ich schön) und Konsorten mit links geschafft. Ähm, mit rechts. Feminismus wird nicht nur salonfähig, es wird zum Volksgut.

Lag es an den Silvestergrapschern?

Wenn ich Eier hätte, ich würde den Rest meines Lebens damit verbringen, daran zu kratzen, da ich eh etwas unterbeschäftigt bin, jetzt, wo ihr übernommen habt. Vielleicht kann ich mich von Büürinnezmorge zu Hündinnenverlochete hangeln. Aber ihr müsst mir nun doch verraten, wie es zu diesem Meinungsumschwung kam. Lag es an den Kölner Silvestergrapschern? Es wäre zwar traurig, wenn ein paar Kriminellen gelänge, was uns mit Argumenten nie gelang, aber was solls, einem geschenkten Schafskopf schaut man nicht ins Hirn.

Und ganz bestimmt ist es nicht nur billige Abstimmungspropaganda, deren Inhalte nach dem kommenden Wochenende entsorgt werden, wie einige behaupten. Nein, euer Kampf um Frauenrechte kommt aus tiefstem Herzen und wird selbstredend ungeachtet der Abstimmungsergebnisse weitergehen. Ihr werdet hinstehen und sagen: «Lasst uns kühlen Kopfes darüber nachdenken, wie der Schutz von Frauen ver­bessert werden kann.»

Die Ahnung detaillierter Pläne

Da habt ihr mein volles Vertrauen, und ich lasse es nicht zu, dass man euch wegen früherer frauenfeindlicher Ansichten wie der unschönen Sache mit der Vergewaltigung in der Ehe, die für euch eher eine Lachnummer als ein Verbrechen darstellte, keine zweite Chance gibt. Jetzt ist nicht die Zeit für kleinliche Aufrechnungen, denn im Grossen sind wir uns einig: Die meisten Gewaltverbrechen an Frauen geschehen in den eigenen vier Wänden. Ich ahne, dass ihr Schlingel längst detaillierte Pläne für den Ausbau des Opfer­schutzes und passende Slogans ausgearbeitet habt, mit denen ihr uns bald überraschen werdet. Vielleicht: «Männer und Söhne, übernachtet öfter im Wald, damit sich Frauen und Töchter zu Hause sicherer fühlen!» Oder «Der Schutz unserer Frauen und Töchter kostet Geld!»

Wobei ich nun doch eine Sache anmerken muss, um zu vermeiden, dass euch derselbe Fehler ein zweites Mal unterläuft. Bei der Auf­zählung der beschützenswerten Frauen habt ihr eine vergessen: dini Mueter!

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