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Verzweifelt an Viren und Bakterien

Ebola sorgt weltweit für wachsende Besorgnis. Ähnliche Epidemien haben schon ganze Gesellschaften in den Wahnsinn getrieben.

Nach Senegal ist nun auch Nigeria wieder ebolafrei: Ein Mitarbeiter probiert in Rodenrijs in den Niederlanden spezielle Kleidung an. (17. Oktober 2014)
Nach Senegal ist nun auch Nigeria wieder ebolafrei: Ein Mitarbeiter probiert in Rodenrijs in den Niederlanden spezielle Kleidung an. (17. Oktober 2014)
Keystone
Wollen Ebola-Kranke aufspüren: Zollbeamte am Internationalen Flughafen von Chicago. (16. Oktober 2014)
Wollen Ebola-Kranke aufspüren: Zollbeamte am Internationalen Flughafen von Chicago. (16. Oktober 2014)
Melissa Maraj/Zollbehörden/AP
Sie muss besonders auf der Hut sein: Krankenschwester in Liberia.
Sie muss besonders auf der Hut sein: Krankenschwester in Liberia.
Ahmed Jallanzo, Keystone
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Als der Kutscher entkräftet ausstieg und klagte, er könne nichts mehr sehen, wechselte Samuel Pepys den Wagen. «Ich war traurig über den armen Mann und verängstigt, dass er vielleicht ein Pestkranker war», schrieb er am 17. Juni 1665 in sein berühmtes Tagebuch. Der Londoner Beamte spürte den Albdruck, den zumal die Pest auf Gesunde und Noch-Gesunde ausübte. Die Seuche zersetzte die gewohnten gesellschaftlichen Banden. Es ist derselbe Druck, der seit Beginn der Ebola-Epidemie auf westafrikanischen Familien, Paaren und Freunden lastet.

Gerät eine Seuche ausser Kontrolle, drohen Überreaktionen. Die Welt ist aus den Fugen, die alten Erklärungen und Regeln werden hinfällig. Es blühen krude Vorstellungen, weil niemand mehr die Grenze zwischen gebotener Vorsicht und Wahnidee zu ziehen vermag.

Pestspritzer, Pestsalber

So geht seit Jahrhunderten bei unterschiedlichsten Epidemien das Gerücht um, bösartige Banden würden Menschen mit Nadeln anstecken. Bereits der römische Philosoph Seneca prägte dafür den Begriff der «Pestilentia manufacta», der handgemachten Pest. 1630 setzte sich in der Mailänder Gesellschaft die fixe Idee fest, die Pest sei mit Salben an die Wände der Stadt geschmiert worden. Wer eine Mauer berührte, wurde prompt verdächtigt, sich angesteckt zu haben oder – schlimmer noch – selber ein «Pestsalber» zu sein.

Auch die Ebola-Krise ruft derzeit viele besorgte, ängstliche, neurotische Reaktionen hervor, die von sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter rasch gestreut werden. Im «New York Magazine» sagte jüngst sogar ein Gesundheitswissenschaftler: «Ebola erinnert heute viele Laien an einen Zombiefilm, ihre Furcht ist nachvollziehbar.» Nachdem in Dallas der erste Ebola-Fall in den USA entdeckt worden war, rief der Republikaner Joe Scarborough in einer Talkshow aus, die Amerikaner trauten ihrer Regierung nicht mehr, die Bedrohung sei weit grösser als offiziell behauptet. Scarboroughs Ausruf stiess in den Onlineforen auf enorme Zustimmung.

Die Seuche als Trauma

In Extremfällen können Seuchen zu Massenpsychosen führen und ganze Gesellschaften in den Wahnsinn treiben. Ebenso rasend wie die Pest verbreitete sich um 1350 die Vorstellung, die Juden hätten die Seuche mit Brunnenvergiftungen verursacht. In vielen europäischen Städten rottete sich ein Lynchmob zusammen, der die jüdischen Bürger durch die Gassen hetzte und ihre Häuser in Brand steckte. Rund 300 jüdische Gemeinden wurden zerstört.

Zugleich vagabundierten die sogenannten Flagellanten, die sich ihren Rücken blutig geisselten in der Hoffnung, Gott möge die grässliche Pest von ihnen nehmen. Sie verbreiteten die Seuche so auch an bisher verschonten Orten. Nicht minder irrwitzig erscheinen uns heute die Veitstänzer, eine Sekte, die über die mittelalterliche Pest sozusagen hinwegtanzen wollte und Anhänger von Westfalen bis Belgien fand.

Als um 1520 die spanischen Eroberer in Mexiko an Land gingen, brachten sie auch die Pocken mit, denen bald eine grosse Anzahl Azteken zum Opfer fiel. Dass die Weissen dagegen weitgehend verschont blieben, deuteten die verzweifelten Eingeborenen als böses Zeichen des Himmels: Gott wollte ihren Untergang. Die Seuche raffte also nicht nur einen Grossteil der Azteken dahin, sondern traumatisierte darüber hinaus die Überlebenden.

Ähnliche Vorstufen

Von einer solchen Eskalation ist die Ebola-Epidemie weit entfernt. Allerdings gleicht ihre bisherige Entwicklung tatsächlich den Vorstufen früherer Seuchen. Auch hier stand am Anfang die Verharmlosung durch die Behörden, eine intransparente, verunglückte Kommunikation. Typisch ist der daraus wachsende Argwohn der Bevölkerung, die der Obrigkeit die Krisenbewältigung nicht mehr zutraut und sich stattdessen Verschwörungstheorien und Quacksalbern zuwendet. Ebenso typisch sind die Erstürmung von Spitälern und die Behinderung von Helfern, wie sie in den letzten Wochen in Westafrika mehrmals dokumentiert wurden – die Medizin wird nicht mehr als Retter, sondern als Verursacher gesehen. Als etwa 1830 in Paris die Cholera ausbrach, gab man ebenfalls bald der Schulmedizin die Schuld, demolierte Ambulanzen und verprügelte Ärzte.

Die Zusammenarbeit zwischen Spitzenforschung und internationalen Gesundheitsorganisationen einerseits und lokalen Ärzten und Politikern andererseits entscheidet nun darüber, wie sehr Ebola noch eskaliert. Wie viele Menschen also noch sterben, wie viele die leidige Erfahrung von Samuel Pepys noch teilen müssen, der am 22. August 1665 in seinem Tagebuch notierte: «Die Seuche macht uns grausamer gegeneinander als gegen Hunde.»

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