Wer hat die Nummer 172?

In den vergangenen Wochen wurde gekauft, nun gehandelt. Überall im Land gibt es zurzeit Panini-Tauschbörsen: Es sind Parallelwelten.

Vom Primarschüler bis zum Rentner – alle hat das Panini-Fieber gepackt. Bild: Keystone

Vom Primarschüler bis zum Rentner – alle hat das Panini-Fieber gepackt. Bild: Keystone

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Die Fussball-WM hat ja eigentlich schon lange begonnen. Seit Wochen wird gejubelt und geflucht, gebangt und gehofft – nicht wegen geschossener Tore, sondern wegen der Panini-Bildli. 681 braucht man, um das diesjährige Album vollzukriegen: keine einfache und eine ziemlich teure Angelegenheit. Im Fussball-EM-Jahr 2016 erwirtschaftete die Panini-Gruppe weltweit 631 Millionen Euro, die kommen von irgendwo.

Aber interessanter als dieser Gewinn ist der Erkenntnisgewinn, wenn man Panini-Sammler beobachtet. Es gibt da zum Beispiel die ganz Schlauen, die gleich zu Beginn eine Box mit hundert Paketen kaufen: Das sind 500 Bildchen, erfahrungsgemäss kaum doppelte, und dies sogar mit Mengenrabatt. Manche kaufen auch zwei solcher Boxen, da gibt es mehr Doubletten, aber das Album ist dann doch schon fast voll, den Rest bestellt man im Netz – und hat sich vor lauter finanzieller und zeitlicher Effizienz um das gebracht, was das Sammeln ja erst interessant macht: ums Tauschen.

Eltern vergifteter als Kinder

Getauscht wird überall, auf dem Schulweg, unter Nachbarn. Vor allem aber an den vielen, vielen Tauschbörsen, die es in Einkaufszentren oder Bibliotheken überall im Land gibt. Ein paar Tische reichen, und schon ist die Panini-Parallelgesellschaft da. Es sind Primarschüler, die ihr ganzes Taschengeld für die Tschuttibildli ausgeben. Eltern, die noch vergifteter sammeln als ihre Kinder. Und Rentner, die sich hier ihre Zeit vertreiben.

Manche bringen die Bildchen in einer Kiste mit; die sind als Tauschpartner eher unbeliebt, weil sie immer lange wühlen müssen, bis sie etwas finden. Andere sind dagegen tipptopp organisiert: mit Excel-Tabellen, in denen die fehlenden Nummern notiert sind, und mit säuberlich geordneten und von Gummis zusammengehaltenen Bündelchen mit den Doppelten.

Hier wird nicht gekauft!

Genauso unterschiedlich sind die Haltungen beim Tauschen. Da sind auf der einen Seite die Grosszügigen, die für ein besonders heiss ersehntes Bildchen auch mal drei zurückgeben; und auf der anderen die Geschäftstüchtigen, die niemandem gar nichts schenken. Man erlebt ergreifende Szenen, etwa wenn ein Bub das letzte noch fehlende Bildchen ergattert und vor Freude in Tränen ausbricht. Oder wenn ein älterer Mann seinen achtjährigen Tauschpartner fragt, welches denn nun schon wieder die Nummer sei, nach der man seit fünf Minuten suche: «Weisst du, ich bin halt schon ein bisschen vergesslich manchmal.»

Hin und wieder gibt es auch einen Skandal: Wenn etwa einer nichts zum Tauschen hat und den Ronaldo kauft, für fünf Franken. Triumphierend verkündet er es und bereut es dann bitter, denn das Phänomen des Shitstorms gibt es nicht nur online, sondern auch in der Realität. Hier wird getauscht, nicht gekauft! Tatsächlich, wer je überzeugt war, dass der Kapitalismus jeden Bereich des Lebens prägt, erhält hier den Gegenbeweis.

Auch sonst bestätigt sich einiges nicht, was man längst als Tatsache ­akzeptiert hat. Überall wird das Aus­einanderfallen der Gesellschaft beklagt, das Bröckeln der Solidarität über die Generationen hinweg – aber voilà, hier funktioniert der Austausch bestens. Und das Schönste ist: Niemand hat das Gefühl, zu kurz zu kommen. Denn ganz egal, wen man trifft und wie geschickt oder ungeschickt man verhandelt: Das Heft ist nach der Börse auf jeden Fall voller als zuvor.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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