Wie der Fall Argento die Me-Too-Bewegung verändert

Eine Frau als Täterin? Kommt selten vor, muss aber denkbar bleiben, zeigen die Anschuldigungen gegen Schauspielerin Asia Argento. Die Me-Too-Bewegung hat sich damit um eine Facette erweitert.

Ihr Fall könnte die Me-Too-Debatte drehen: Asia Argento.

Ihr Fall könnte die Me-Too-Debatte drehen: Asia Argento. Bild: Keystone

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Knapp drei Wochen liegt der Bericht der New York Times zurück, in dem schwere Anschuldigungen gegen die Schauspielerin Asia Argento erhoben wurden. Sie habe den damals 17-jährigen Jimmy Bennet im Jahr 2003 in einem Hotelzimmer in Los Angeles sexuell genötigt und ihm 380 000 Dollar gezahlt, als er sie dafür Jahre später anzeigen wollte, so die Vorwürfe. Bennet bestätigte den Bericht einige Tage später, Argento stritt ihn ab, jetzt teilt auch ihr Anwalt gegen Bennet aus. Dieser könne sich glücklich schätzen, nicht selbst wegen sexueller Nötigung angezeigt worden zu sein, sagte der Jurist dem Promiportal TMZ. In Wirklichkeit sei das Treffen in dem Hotelzimmer nämlich ganz anders abgelaufen.

Im Netz dreht sich indessen die Debatte darüber weiter, ob die Me-Too-Bewegung Bestand haben kann, nachdem in Argento eine ihrer wichtigsten Figuren quasi untragbar geworden scheint. Nicht wenige unterstellen der Schauspielerin und auch ihren Mitstreiterinnen Heuchelei. Es gebe doppelte Standards bei der Bewertung der Vorwürfe argumentieren Kritiker, bei sexuellen Übergriffen würden nur Männer als Angreifer gedacht und Frauen als Opfer.

Im Spiegel griff der Journalist Philipp Oehmke den Fall Argento auf, wie auch die Anschuldigungen gegen Avital Ronell, eine Professorin an der New York University, der ein Student sexuelle Nötigung vorwirft. Oehmke argumentiert, die Vertauschung der angenommenen Genderrollen in diesem Beispiel sei ein ernster Test für die Me-Too-Bewegung, die, wie er schreibt «von vielen als Bewegung von Frauen gegen Männer wahrgenommen wird.»

Häufig sind es Männer, aber nicht immer

Die Wahrnehmung kommt nicht von ungefähr. Die übergrosse Mehrheit der Menschen, die unter dem Label «Metoo» öffentlich als Missbrauchstäter identifiziert wurden, sind Männer. «Häufig handelte es sich um berühmte Männer oder Männer, die in ihrem jeweiligen Arbeitsumfeld eine Machtposition inne haben», schreibt Josephine Livingston im US-Magazin «The New Republic». Grundsätzlich gehe es bei der Me-Too-Bewegung aber darum, «Leute, die sexuell übergriffig werden, dafür geradestehen zu lassen. Vor allem, wenn sie normalerweise durch systemimmanente Gründe vor den Konsequenzen ihrer Taten geschützt bleiben», so Livingston. Dieser Schutz gelte wegen der Machtstrukturen am Arbeitsplatz wie auch in sozialen Kontexten eben häufiger für Männer.

Auch ein Blick in die Statistik verdeutlicht, warum «Metoo» zwangsläufig eher eine einseitige Angelegenheit ist: Sexuelle Gewalt richtet sich deutlich häufiger gegen Frauen als gegen Männer. In den USA zum Beispiel machen Frauen 91 Prozent der Opfer sexueller Übergriffe aus.

Nichtsdestotrotz müssen andere Konstellationen denkbar bleiben. Als Frau, die deutlich älter ist und als Regisseurin des Films, in dem Bennett als Schauspieler spielte, hatte Asia Argento Macht über den Jugendlichen. Als akademische Beraterin und Dozentin hatte Professorin Ronell Macht über ihren Studenten Nimrod Reitman. Viele Unterstützer der Me-Too-Bewegung betonen nun umso deutlicher, dass man alle Erfahrungen einbeziehen müsse, auch die von Bennett und Reitman, um das System der Unterdrückung wirklich aufzubrechen.

Für andere galt das ohnehin immer als gegeben. Tarana Burke, die Gründerin der Bewegung, merkte jüngst an, Männer seien nie von der Debatte ausgeschlossen gewesen. «Ich habe wiederholt gesagt, dass das #metoomvmnt [Abkürzung für ‹movement› = Bewegung, Anm. d. Red.] für uns alle ist, inklusive dieser tapferen jungen Männer, die sich jetzt melden», schrieb sie auf Twitter. Und griff ein Argument auf, das von Feministinnen seit Jahrzehnten wiederholt wird: «Bei sexueller Gewalt geht es um Macht und Priviligien. Das ändert sich nicht, wenn der Täter dein Lieblingsschauspieler, -aktivist oder -professor ist, und zwar egal welchen Geschlechts.»

Ludmila Leiva, die für die Internetseite Refinery29 schreibt, argumentiert, dass die Nachrichten um Argento eine Chance für die Anführerinnen der Me-Too-Bewegung sei, um zu prüfen, inwiefern nicht-weisse, nicht-weibliche Opfer tatsächlich angmessen berücksichtigt würden.

Bewegungen wie «Metoo» werden nicht von einem oder von wenigen Akteuren gesteuert, sondern haben eine Eigendynamik, die zu Anfang nicht absehbar war. Me Too habe nie mit einer einzigen Stimme gesprochen, dazu hätten sich zu viele Menschen beteiligt, das sagt auch Initiatorin Tarana Burke. Diejenigen, die sich nur an die Stimme Argentos geklammert haben, mit guten oder schlechten Absichten, für die hat «Metoo» wohl spätestens jetzt Schlagseite bekommen. Für die anderen hat sich die Bewegung um eine wichtige Facette erweitert. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.09.2018, 16:06 Uhr

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