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Zunicken? Oder anlächeln?

«Social distancing»: Die Empfehlungen des Bundes könnten gravierendere Folgen haben, als man auf den ersten Blick annimmt.

«Abstand halten»: Der Bund empfiehlt seit Donnerstag, auf Distanz zu den Mitmenschen zu gehen. Bild: BAG.
«Abstand halten»: Der Bund empfiehlt seit Donnerstag, auf Distanz zu den Mitmenschen zu gehen. Bild: BAG.

Mit einer zusätzlichen Verhaltensregel will das Bundesamt für Gesundheit die Ausbreitung des neuen Coronavirus in der Schweiz möglichst verhindern: «Abstand halten» steht seit Donnerstag auf Plakaten und Flyern mit dem Titel «So schützen wir uns». Besonders ältere Menschen sollen durch die Massnahme vor einer Ansteckung bewahrt werden. Auch am Arbeitsplatz sowie beim Anstehen, in Verkehrsmitteln oder an Bahnhöfen empfiehlt der Bund ab sofort das «social distancing».

Effektiv war der Aufruf zur Einhaltung von sozialer Distanz zum Beispiel in einigen Städten in den USA während der Spanischen Grippe ab 1918. Der Historiker Philipp Sarasin, der sich mit der Geschichte der Hygiene befasst hat, sieht Parallelen zur Aids-Krise in den 80er-Jahren in der Schweiz.

«Auch damals rieten die Behörden die Bevölkerung zu Verhaltensmassnahmen, etwa zur Benutzung von Kondomen.» Dadurch sei die Ansteckungsrate zurückgegangen.

«Verheerende Folgen»

Epidemiologisch sei es sinnvoll, darauf zu verzichten, sich bei der Begrüssung die Hand zu geben oder Distanz zum Gegenüber einzuhalten, sagt Sarasin. «Man kann sich ja auch zunicken.» Für den Historiker der Universität Zürich hat die Aufforderung des Bundes an den Einzelnen, im öffentlichen Leben gewisse Verhaltensregeln einzuhalten, nichts zu tun mit einer «herrschaftlichen Projektion der Macht», wie sie etwa im Errichten von Quarantänen deutlich werde.

Im «cordon sanitaire» würden Kranke und Nichtkranke klar getrennt, um die Übertragungswege zu unterbrechen. Jetzt rufe der Bund lediglich dazu auf, individuell Verhaltensmassnahmen zu befolgen.

Soziale Distanzierung könne aber auch zur Ausgrenzung werden, etwa wenn sich Zugpassagiere nicht in die Nähe von Menschen mit «chinesischem» Aussehen setzen würden. «Werden bestimmte Menschengruppen als Träger einer Krankheit identifiziert, sind die Folgen verheerend.»

Der Soziologe Peter-Ulrich Merz-Benz glaubt, dass die Empfehlungen des Bundes gravierendere Folgen haben könnten, als man auf den ersten Blick annimmt. «Wir haben es mit einer Art von Krisenexperiment zu tun, in dessen Rahmen Selbstverständlichkeiten des Alltagslebens aufgehoben werden.»

Wenn so etwas passiere, zeige sich auf einmal, wie viel soziale Vermittlung etwa in Grussformen stecke und wie wichtig diese für den sozialen Zusammenhalt seien – weit mehr, als an den Bewegungen selbst absehbar ist, sei es das Händeschütteln, das Schulterklopfen oder das Verküssen.

US-Vizepräsident Mike Pence, zuständig für das Dossier Coronavirus in den USA, macht den Ellbogengruss in Tacoma, Washington. Foto: Reuters
US-Vizepräsident Mike Pence, zuständig für das Dossier Coronavirus in den USA, macht den Ellbogengruss in Tacoma, Washington. Foto: Reuters

Für all das gelte es eine andere Ausdrucksform zu finden. Auch der Ellbogengruss sei als Ersatz allein schon deshalb wenig tauglich, wenn die Menschen mit den empfohlenen zwei Meter Abstand interagieren würden, sagt Merz-Benz. «Man wird sich künftig wohl eher auf eine bestimmte Art anschauen oder anlächeln – oder eben nicht.»

Lassen sich junge Schweizer und Schweizerinnen überhaupt vorschreiben, wie sie sich in der Öffentlichkeit verhalten sollen? Merz-Benz vermutet, dass sich die junge Generation im gewohnheitsmässigen Handeln lieber nicht allzu sehr stören lassen will. «Man erhält den Eindruck, dass sie einen Teil ihres Selbst verlieren, wenn sie gewisse Veranstaltungen nicht mehr besuchen können.»

«Wer den ganzen Tag am PC sitzt, dessen Welt ist sowieso schon sozial distanziert.»

Soziologe Peter-Ulrich Merz-Benz

Hier sieht der Soziologe auch die Gefahr des «social distancing». Bestimmte Formen des sozialen Geschehens würden auf einmal ausgesetzt, zum Beispiel könne sich eine bestimmte Szene nicht mehr in einem Restaurant treffen, wodurch die Besucher in ihrer sozialen Identität eingeschränkt würden. Wenn die Fasnacht nicht stattfindet, bedeute das für den geborenen Fasnächtler nichts Geringeres, als dass ein Teil seiner Person nicht stattfinden könne.

Ist Distanznahme und Isolation überhaupt eine Herausforderung in einer Gesellschaft, in der es Entwicklungen gibt wie das «cocooning», also das Sich-Einlullen im Wohnzimmer oder das Abhängen mit «Netflix & chill»? «Wer den ganzen Tag am PC sitzt, dessen Welt ist sowieso schon sozial distanziert», sagt Peter-Ulrich Merz-Benz. «Man kann sich heute als Person realisieren, indem man im Netz präsent ist.»

Historiker Philipp Sarasin verweist auf den logistischen Kraftakt, mit dem die abgeschottete Millionenstadt Wuhan in China derzeit ernährt werde: «Alles Home Delivery, das kennen wir bei uns ja auch schon gut.»

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