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Der rätselhafte Zauber von Locarno

Die Filmkritiker klagen, aber das Publikum geniesst das Filmfestival Locarno in vollen Zügen.

Unter langjährigen Besuchern des Film­festivals in Locarno kursiert schon län­ger ein böser Witz: Das Beste am Fes­tival, so der Spruch, seien die maleri­schen Badefelsen bei Ponte Brolla an der Maggia. (Sogar Johnny Depp soll hier schon gebadet ha­ben.) Den abgebrühten Profis von Film und Feuil­leton, die seit Jahr und Tag aus beruflichen Grün­den nach Locarno reisen, kommt dieser Kalauer naturgemäss leicht über die Lippen. Dabei müsste man hier nur die Augen aufmachen, um zu merken: Der Spruch mag halbwegs lustig sein, aber er ist, wenn, dann auch nur halb wahr.

Zeit für ein bisschen Selbstkritik: Es sind näm­lich vor allem wir Berufstouristen der Filmkritik, die alljährlich in den immergleichen Refrain über die grössten kulturelle Veranstaltung der Schweiz einstimmen. Wir beklagen, dass es Lo­carno nicht einmal dann schafft, Stars an den Lago Maggiore zu locken, wenn sie «nur» Anje­lica Huston oder Emma Thompson heissen. Wir spekulieren, dass in Locarno vor allem jene filmi­schen Restposten laufen, die es in Cannes nicht in die Auswahl geschafft haben und die auch in Ve­nedig kaum Chancen hätten. Und wir bedauern, dass das Niveau des internationalen Wettbe­werbs darum merklich tiefer liegt als an den bei­den bedeutendsten Filmfestivals in Europa.

Diese Kritik ist nicht falsch, und sie ist notwen­dig. Aber sie argumentiert immer auch ein Stück weit am Geist des Festivals vorbei. Klar, Locarno spielt nicht in der Liga von Cannes oder Venedig. Das hat Festivalpräsident Marco Solari auch ges­tern eingeräumt, bei einem Podium über Stars und rote Teppiche. Dafür wird die Filmkultur in Locarno auch nicht bloss von einer exklusiven Gesellschaft aus Stars und Medienleuten gefeiert – sondern als Volksfest für ein Allerweltspubli­kum, das im Kino keine Berührungsängste kennt. Diese Menschen sind es, die das Wesen des Festivals ausmachen. Und sie bleiben ihm treu: Seit Jahren schon sind die Besucherzahlen stabil, bei rund 190 000 Zuschauern pro Jahr. Und das Publikum bekommt die Ehrengäste, die es ver­dient: keine Stars, die nur auf Stippvisite kom­men, um das PR-Pflichtprogramm zu absolvieren – sondern einen wie Nanni Moretti, der gestern mit einem eigens für Locarno vorbereiteten Film­quiz angereist ist, um heute das Wissen des Fes­tivalpublikums zu testen.

Peinliche Moderationen

Das Publikum in Locarno fragt nicht danach, ob ein Film nur deshalb hier läuft, weil er womög­lich in Cannes abgelehnt wurde. Dieses Publikum kommt auch nicht nach Locarno, um dem Festi- val jedes Jahr vorzurechnen, wie viel es im inter­nationalen Vergleich an seiner Ausstrahlung ein­gebüsst haben mag. Dieses Publikum setzt sich aus Lust am Kino (und wohl auch ein bisschen aus Gewohnheit) mit einer oft sperrigen Film­kunst auseinander, die immer seltener den Weg in die Kinos findet. Und es zeigt sich sogar gnä­dig, wenn die Moderationen vor den Filmen manchmal so peinlich unprofessionell daher­kommen, dass man sich vorkommt wie an einem eben erst gegründeten Schülerfestival.

Das Festival von Locarno lebt eben nicht nur von der Piazza Grande, der wetterabhängigen Arena für die grossen Publikumsfilme. Das Fes­tival vibriert auch dort, wo die Menschen in der brütenden Mittagshitze Schlange stehen für einen Dokumentarfilm über brasilianische Schnapsbrenner. Und wenn einem der Film nicht passt, kann man immer noch in der Maggia baden gehen. Auch ohne Johnny Depp.

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