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Ein einsamer kleiner Haushälter betörte das Festival

Der erste Film war der stärkste: Am 61. Filmfestival in Locarno ging der Goldene Leopard nach Mexiko. Die zweite Hälfte des Festivals fiel ins Wasser.

Ob es am feuchten Wetter lag? Die Spekulationen über den möglichen Sieger schossen jedenfalls ins Kraut wie selten in Locarno. Bloss: Filme waren damit nicht gemeint. Das grosse Werweissen galt nicht etwa dem Goldenen Leoparden, sondern der Nachfolge von Frédéric Maire, der sich 2009 als Künstlerischer Leiter verabschiedet. So wurden nun fast täglich gerüchteweise neue Namen aufgekocht.

Alles nur vorlautes Insider-Theater: Erst nach dem Festival, so hatte Marco Solari angekündigt, werde man sich nach einem geeigneten Nachfolger umsehen. Und der Präsident des Festivals liess keinen Zweifel, dass er mit der neuen Leitung am eingeschlagenen Kurs festhalten will: Bescheidenheit bleibt sein Stolz, und das Budget will sich Solari auch künftig nicht sprengen lassen durch teuer eingekaufte Stars (die dann doch wieder absagen, weil ihnen Locarno grad nicht am Weg liegt). Dennoch wünschte man sich für die Zukunft eine Persönlichkeit, die dem Festival resoluter ihren Stempel aufdrückt als der stets so sympathisch bescheidene Frédéric Maire.

Der Sieger stimmt

Die Piazza Grande war dieses Jahr so arm an Höhepunkten, dass einem die verregnete zweite Festivalhälfte wie eine gerechte Strafe erscheinen konnte. Beim internationalen Wettbewerb hingegen hat der abtretende Direktor in seinem dritten Jahr das stärkste Programm seiner Amtszeit geboten. Und wenn dennoch niemand so recht über mögliche Siegerfilme spekulieren mochte, dann lag das auch daran, dass der Favorit auf den Goldenen Leoparden schon am allerersten Tag gefunden war: Mit seinem Erstling «Parque Vía» prägte sich der 32-jährige Mexikaner Enrique Rivero gleich zum Auftakt des Wettbewerbs mit einer so stillen Wucht ins Gedächtnis, dass der Film auch zehn Tage später noch stark nachhallte.

Mit unerbittlicher Genauigkeit schildert «Parque Vía» den Alltag des Haushälters Beto, der in Mexico City eine leer stehende Villa hütet. Abgekapselt von der Aussenwelt, lebt der alte Indio in diesem Haus, das die betagte Besitzerin vergeblich zu verkaufen sucht. Die ersten zehn Minuten ist das Kino ohne Worte: Eine schwebende Kamera begleitet Beto bei seinen täglichen kleinen Pflichten, die er in alle Ewigkeit verrichten würde, weil er draussen in der realen Arbeitswelt längst nutzlos wäre. Wie im Mausoleum seiner Einsamkeit hat sich Beto in dieser Villa eingerichtet, und jedes Mal, wenn die Maklerin potenzielle Käufer durchs Haus führt, betet er insgeheim, dass alles so bleiben möge, wie es ist.

Unablässig kreist Riveras Film um die Bruchstellen in einer geteilten Gesellschaft. Der Regisseur hat sich dafür vom Leben seines Hauptdarstellers Nolberto Coria inspirieren lassen, als filmischen Schutzheiligen beschwört er Robert Bresson. Mit «Parque Vía» gelingt ihm tatsächlich ein mustergültiges Beispiel dafür, wie man mit Laiendarstellern und einem Minimum an Mitteln ein Kino von transzendenter Kraft schafft. In hypnotischen Bildern erzählt er von der Routine dieses einsamen kleinen Mannes, der sich aus der Wirklichkeit ausgeklinkt hat - und am Ende dieses unscheinbaren Films lauert eine Wendung von erschütternder Konsequenz.

Wenn der Sieger stimmt, mag man auch über ein paar schleierhafte Entscheide hinwegsehen. Zum Beispiel über den Spezialpreis der Jury für die polnisch-deutsche Koproduktion «33 Scenes from Life», einem geschliffenen Beziehungsdrama in gutbürgerlichem Künstlermilieu. Da nabelt sich eine polnisch synchronisierte Julia Jentsch unter dezentem seelischem Schmerz vom Elternhaus ab, aber auf dem TV-Bildschirm scheint das besser aufgehoben als auf der Leinwand. Und es fragt sich auch, ob man den ausgeprägten Stilwillen des Kanadiers Denis Côté denn gleich mit einem Regiepreis belohnen musste, wo doch sein Film «Elle veut le chaos» in einer diffusen Schwermut zerbröselte, an der man fast verhungerte beim Zusehen (TA vom Donnerstag).

Auch Schweizer Film ausgezeichnet

So ging leider der britische Regisseur Gideon Koppel vergessen, der ganz zuletzt mit «Sleep Furiously» den einzigen Dokumentarfilm im Wettbewerb stellte. Koppel hebt den ländlichen Alltag in einem abgeschiedenen Tal in Wales auf die Leinwand, und als Leitmotiv rückt er immer wieder den gelben Transporter der mobilen Dorfbibliothek ins Bild. Zu den gedämpften Klavieretüden von Aphex Twin legt der Regisseur filmisch Zeugnis ab von einer aussterbenden Lebensweise - ein pastoraler Heimatfilm ohne Pathos, inszeniert mit einer Meisterschaft, die nahezu konkurrenzlos war im Wettbewerb.

Vom Gegenteil von Heimat schliesslich erzählt der Westschweizer Fernand Melgar, der mit seinem Dokfilm «La forteresse» dafür sorgte, dass auch der Schweizer Film nicht ohne Erfolg blieb in Locarno. Melgar wirft einen schonungslosen Blick in das Flüchtlingszentrum in Vallorbe, wo sich innerhalb von 60 Tagen das Schicksal von Asylbewerbern aus aller Welt entscheidet. In der Sektion Cinéastes du présent wurde er dafür mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet.

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