Endstation Platzspitz

Ein überragendes Schweizer Debüt: Demian Lienhards Roman «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat» führt in ein bewegtes Zürcher Jahrzehnt.

Mit Alba hat er eine Figur ganz aus der Sprache heraus erschaffen: Demian Lienhard. Foto: Laura J. Gerlach

Mit Alba hat er eine Figur ganz aus der Sprache heraus erschaffen: Demian Lienhard. Foto: Laura J. Gerlach

Martin Ebel@tagesanzeiger

Es wird enorm viel gestorben in diesem Roman. Er fängt mit einem gescheiterten Selbstmordversuch an, dann gibt es tödliche Autounfälle; gleich drei Klassenkameraden von Alba stürzen sich von der Hochbrücke, der Stiefvater hängt sich auf, und später holt sich das Heroin nahezu alle ihre Freunde.

Trotz all dieser Toten ist es kein deprimierendes Buch. Das liegt an dem munteren, mal naiven, mal altklug schnoddrigen Ton, den Alba anschlägt, die Ich-Erzählerin und schon wegen ihres Geschlechts kein Alter Ego des Autors, obwohl der sich durchaus auch aus dem eigenen Leben bedient hat. Aber das ist es eben in der Literatur: Es kommt weniger darauf an, was erzählt wird, als wie es erzählt wird.

Demian Lienhard, der mit 42 Jahren hier sein Romandebüt vorlegt (der promovierte Archäologe schreibt aber schon länger), hat zwar einiges zu erzählen – von den Zürcher Unruhen um das Alternative Jugendzentrum (AJZ) etwa, von der Drogenszene am Platzspitz und am Letten –, aber vor allem hat er eine Erzählstimme gefunden, die einen mit ihrem ganz eigenen Sound über fast 400 Seiten begleitet, ohne dass man ihrer auch nur einen Moment überdrüssig wird.

Dreifaches Staunen

Das ist für eine Ich-Erzählung schon mal erstaunlich. Und ebenso erstaunlich, dass diese Stimme einer Frau gehört, eben Alba aus Neuenhof bei Baden, der wir als Gymischülerin im Krankenhaus begegnen und dann etwa zwölf Jahre folgen. Jahre, die für den Autor – und das ist das dritte Staunen – in vorbiografischer Vergangenheit liegen. Wie klingt diese Stimme? Wenn die Zeit nicht vergeht, dann «tropfen die Sekunden wie aus einem undichten Hahn». Wenn sie sich von jemandem verstanden fühlt, «hat unser Kopf denselben Innenarchitekten». Wenn sie politisch wird: «In Zürich braucht jeder Sonnenschirm eine Baubewilligung.» Wenn sie etwas Grundsätzliches begreift: «Lebende verändern sich die ganze Zeit. Aber ein Toter, das ist etwas Endgültiges.»

Eine Herde alter Kühlschränke

Die Wirkung von Heroin ist, wie «wenn dir jemand eine Ohrfeige aus dem Gesicht zieht und mit ihr die ganzen Schmerzen wegnimmt, und zurück bleibt nur viel zu viel Glück, um es zu fassen. So ungefähr.» Und, letztes Beispiel, über ihren ersten Besuch im AJZ: «Wenn ich an diesen Tag denke, dann kommt mir immer eine Herde alter Kühlschränke in den Sinn. Eine, die an einer Böschung weidet, irgendwie planlos und ziemlich leer.» Das ist poetisch, aber nicht poeselnd. Direkt, aber nicht platt. Originell, aber nicht krampfhaft gesucht. Es ist ein ans Mündliche angelehnter Sound, keine O-Ton-Imitation.

Vor allem ist es nicht einfach eine Sprache, in der der Autor seine Figur sprechen lässt, vielmehr eine Sprache, die die Figur überhaupt erst schafft. Alba lebt durch Sprache, sie lebt als Sprache: Das unterscheidet dieses Debüt von den Bemühungen weniger begabter Debütanten, ihr Leben literarisch zu drapieren.

Demian Lienhard: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt 2019. 378 S., ca. 34 Fr.

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