«Ein Esoteriker, durchaus»

Alain Sutter bleibt überraschend Nati-Experte bei SRF. Im Interview spricht der frühere Fussballheld über seine Kritiker, Gilbert Gress – und grosse Fragen, die ihn schon lange beschäftigen.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Ihr SRF-Vertrag wurde doch noch verlängert. Wie kams dazu? Die Sendungsmacher kamen auf mich zu und sagten mir, sie hielten die Konstellation mit Raphi Wicky, Rainer Salzgeber und mir eigentlich für ideal. Ich liess mich nicht zweimal fragen. Mich reizt weiterhin die Herausforderung, spontan auf Situationen reagieren zu können und Kritik in einem Ton zu äussern, der nie verletzend ist.

Wünschen Sie sich eine Rückkehr von Gilbert Gress? Ich habe meine Zeit im Studio mit Gilbert Gress genossen, keine Frage. Ihn zurückzuholen liegt aber nicht in meiner Kompetenz.

Fussball ist ein sehr floskelanfälliges Geschäft. Wie gehen Sie als Kommentator mit dieser Bedrohung um? Spontaneität hilft ebenso wie die Workshops und Feedbacks, die das SRF mir anbietet. Aber Floskeln lassen sich im Fussball nicht gänzlich vermeiden, das liegt in der Natur der Sache – denn es wiederholen sich ja auch von Zeit zu Zeit die gleichen Situationen.

Sie sind eine Reizfigur des Schweizer Fussballs. Einige Fans regen sich vor dem Fernseher über Ihren eigentümlichen Dialekt auf. Mein Dialekt lässt sich sehr einfach damit erklären, dass ich bereits sehr früh vielen sprachlichen Einflüssen ausgesetzt war. Als junger Spieler wechselte ich von Bern nach Zürich und dann schon bald weiter in die Bundesliga, in die USA, nach Italien und Spanien. So kam mein heutiger Dialekt zustande.

Manche halten Sie für einen Esoteriker. Man kann mich durchaus für einen Esoteriker halten. Denn Esoterik, abgeleitet vom griechischen «esoteros», was «innerlich, nach innen gewandt» bedeutet, hat viel mit dem zu tun, was mich seit jeher fasziniert. Ich habe mich intensiv mit meinen inneren Prozessen auseinandergesetzt und diese Beschäftigung in meinem Buch «Stressfrei Glücklich Sein» niedergeschrieben. Ich habe viele Ausbildungen absolviert, die mein Bewusstsein für die inneren Prozesse des Menschen geschärft und mich schliesslich zu meiner heutigen Tätigkeit als Coach motiviert haben.

Wieder andere nervt Ihre Frisur – obwohl diese mittlerweile ja konservativer geworden ist. Aussehen ist immer Geschmacksache. Dem einen gefällt dieses, dem anderen jenes, und nur selten gefällt allen das gleiche. Auf meine Frisur wurde ich schon sehr früh ständig angesprochen, das hat sich bis heute nicht geändert. Ich mache mir aber nicht so viele Gedanken darüber und trage die Haare so, wie es mir gefällt.

Wenn man die Arbeit von Pep Guardiola, Jose Mourinho oder Arsène Wenger verfolgt, dann erscheint Spitzenfussball heute als eine Wissenschaft, die permanent perfektioniert wird. Wie bleiben Sie auf dem neusten Stand? Ich habe Trainerdiplome erworben und arbeite nun seit 30 Jahren im Fussballbusiness – als Spieler, TV-Experte, Coach, Berater, Sportchef. Insofern glaube ich schon, dass ich up to date bin. Andererseits hinterfrage ich diese Verwissenschaftlichung auch.

Wie das? In der Athletik und Trainingslehre erachte ich diese Entwicklung als absolut sinnvoll. Die taktische Flexibilität während des Spiels hat ja auch viel zur Attraktivität des heutigen Fussballs beigetragen. Jedoch glaube ich nicht, dass Fussball zu einer exakten Wissenschaft wird, denn der Faktor Mensch spielt immer eine zentrale Rolle. Und dieser ist und bleibt unberechenbar.

Sie betreiben seit einem Jahr eine Coaching-Praxis, in der Sie beispielsweise «Lebensfeuer-Analysen» anbieten. Wer ist Ihre Klientel? Vom Schüler über den Topmanager bis zum Spitzensportler gibts da alles. Aber es sind natürlich vor allem Fussballer, die sich mental verbessern wollen. Ihnen will ich mit meiner Erfahrung helfen, sich zu optimieren.

Sie haben als Profi vieles hinterfragt, auch schon mal mit einem Transparent gegen Atombombentests demonstriert. Heute raten Sie jungen Fussballern, sich voll und ganz auf sich selber zu konzentrieren und keinesfalls zu versuchen, das Umfeld zu verändern. Ein Widerspruch? Nicht zwingend. Ein Spitzensportler kann sehr wohl gesellschaftliche Prozesse hinterfragen und Probleme wälzen. Bloss: Auf dem Platz muss er bereit sein, seinen Impulsen zu folgen. Da muss der Kopf frei sein, da können zu viele Gedanken hinderlich sein.

Könnten Sie heute dem jungen Alain Sutter etwas beibringen? Natürlich. Ich machte mir zu viele Gedanken, die zu Sorgen und Ängsten führten. Ich hatte oft Mühe, abzuschalten und mich zu entspannen, nahm Kritik zu persönlich. So entstanden unnötige Dramen.

Sie sind in Bümpliz aufgewachsen. Besuchen Sie den Berner Randbezirk noch ab und zu? Ich war wegen Trainingscamps ab und zu kurz dort in den letzten Jahren, sonst nicht. Aber meine Erinnerungen an Bümpliz sind sehr schön. Ich hatte eine wunderbare Kindheit dort: so viele Gschpänli, immer draussen, immer spielen.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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