«Er sieht aus wie eine schwitzende Leiche»

«Succession» ist die Fernsehserie mit dem bösesten Blut. Nun läuft die zweite Staffel.

Kendall Roy (Jeremy Strong, r.) versucht in der Serie «Succession», seinem Vater Logan (Brian Cox) das Medienimperium abzuluchsen.

Kendall Roy (Jeremy Strong, r.) versucht in der Serie «Succession», seinem Vater Logan (Brian Cox) das Medienimperium abzuluchsen.

(Bild: HBO)

Pascal Blum@pascabl

Niemand erfindet so fiese Beleidigungen wie Jesse Armstrong, der britische Autor der HBO-Serie «Succession», deren zweite Staffel vor kurzem auch bei uns angelaufen ist. Logan Roy (Brian Cox), der in New York ein Medienimperium aufgebaut hat mit Fernsehsendern und Vergnügungsparks, wird von seiner Tochter als «egozentrischer Weisser Hai» beschrieben, sein jüngster Sohn kriegt das Etikett «Kleinkind mit einem Ständer».

Der alte, kranke Roy müsste längst abtreten und Platz machen für jemanden, der in der digitalen Welt aufgewachsen ist. Aber der Mogul bleibt noch eine Weile, weswegen seine vier Kinder in «Succession» um die Nachfolge intrigieren. Sie tun es mit Lust am hässlichen Umgang und beleidigen sich gegenseitig auf derart vulgäre Art, dass ihr Bedarf an Genuss damit erschöpft ist. In der Serie gibt es sonst keine Intimität, in die Ferien gehen die Charaktere nur, um sie zu unterbrechen.

Kendalls Auferstehung wird darin bestehen, die Macht über die Sprache zurückzugewinnen.

Man könnte «Succession», hinter der unter anderem «Vice»-Regisseur Adam McKay steht, für das zynische Porträt einer Machtelite halten. Aber dafür ist es ein viel zu realer Stoff. Logan Roy ist gezeichnet als ein King-Lear-Typ nach dem Vorbild von Rupert Murdoch. Sein ambitioniertester Sohn heisst Kendall (Jeremy Strong), und wenn er am Morgen duscht, putzt er sich gleichzeitig die Zähne mit einer wasserdichten elektrischen Bürste, um Zeit zu sparen. Fortbewegen tut sich die Familie Roy entweder im Wagen mit Chauffeur oder per Helikopter. Wo immer sie ist, das Catering ist schon da.

Der Trailer zur zweiten Staffel. Video: HBO/Youtube

Die «Succession»-Autoren wissen, dass es zwischen Zustandsbeschreibung und satirischer Zuspitzung höchstens graduelle Unterschiede gibt. Sie bevölkern ihr Psychodrama aus dem dynastischen Business deshalb mit Figuren, die trotz Widerwärtigkeit voller Selbsthass und Schwächen sind.

Es ist wie mitfühlender Nihilismus: Kendall hat über Jahre auf Kohlenhydrate verzichtet, um mitzurennen und endlich seinen Vater zu ersetzen. Am Ende bleibt ihm nur der Verrat. Mit Rivalen und Risikokapital plant er die Übernahme des Medienkonglomerats, einen sogenannten «bear hug». Das mündet in eine andere Art der Umarmung, die aber für Kendall zur Demütigung wird.

Zu Beginn der zweiten Staffel ist er ein geschlagener Hund, ausgezehrt und vor Angst zitternd. Sein Vater zwingt ihn, in einem Fernsehinterview PR-Sätze abzusondern, um den Börsenkurs zu retten. Er sagt sie auf wie ein trauriger Roboter. Oder wie eine «schwitzende Leiche», wie sein Bruder meint.

«Das kannst du spülen»

Kendalls Auferstehung wird darin bestehen, die Macht über die Sprache zurückzugewinnen, eine Position zurückzuerlangen, in der er andere zerstören und mit groben Worten herabwürdigen kann – so versteht «Succession» Handlungsfähigkeit unter Superreichen, die immer jemanden brauchen, auf den sie draufstehen können. Die Grausamkeiten laufen ab wie Programme, wie uralte Rituale. Nicht zufällig werfen einander die Figuren immer wieder vor, sie würden sich wie Automaten verhalten, wo man doch unter Menschen reden könne.

Visuell kommt die Serie sehr langweilig daher, aber das Porträt der neuen Medienwelt ist schrecklich genau: Um nicht «das nächste Kodak» zu werden, hat Logan Roy eine freche News-Site hinzugekauft, für die Hipster mit Mützen Listicles übers Milchtrinken schreiben. Alle ihre Ideen drehen sich um Food oder Gras. «Umschwenken auf Video?» – «Haben wir versucht.» Noch deutlicher erklärt die Situation nur noch Logan Roys Banker: «Kulturell, strukturell und finanziell gesehen, kannst du das Geschäft spülen.»

«Succession» läuft bei Swisscom oder Sky.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt