Mässiges Geschäft mit dem Sex

Die neue «Liebesleben»-Staffel besuchte in Folge 1 Schweizerinnen und Schweizer, die für Sex bezahlen. Man kam dabei nicht ganz auf seine Kosten.

Yvonne erzählte, weshalb sie zu einem Callboy ging. (Video: Tamedia/SRF)
Mirjam Comtesse

Wieso kaufen Menschen Sex? Wie trennen sie die Gefühle vom Geschäftlichen? Wird dabei jemand ausgenutzt? Und wenn ja: wer? Die erste Folge der neuen Staffel von «Liebesleben» im Schweizer Fernsehen widmete sich dem Thema käufliche Liebe. Doch diese wichtigen Fragen wurden nur teilweise beantwortet. Die Dokumentation blieb leider allzu oft an der Oberfläche.

Kundinnen machen sich für Callboy hübsch

Dabei waren die verschiedenen Formen von Sex gegen Geld, die vorgestellt werden, klug gewählt: Statt das häufig von einem Machtgefälle geprägte Verhältnis von Prostituierter und Freier konzentrierte sich das SRF auf ungewöhnlichere sexuelle Geschäftsbeziehungen: Zuerst erzählten ein Schweizer Callboy und seine Stammkundin. Beide wirkten sympathisch und reflektiert. Der Zuschauer merkte: Da begegnen sich zwei auf Augenhöhe. Die 49-jährige Yvonne erklärte, wieso ihr der Sex mit Callboy Juan so viel gibt: «Er ist ein Weltmeister im Verführen.» Man fühle sich schön und begehrt bei ihm.

Spätestens hier hätte man sich gewünscht, dass Moderatorin Eva Nidecker nachhakt und fragt, wieso Yvonne dieses Gefühl denn nicht auch in einer Beziehung, die nicht auf Geld beruht, haben kann. Doch die Moderatorin beschränkte ihre Rolle zu oft darauf, gerührt zu sein ob der Offenheit ihrer Gesprächspartner. Immerhin stellte sie Callboy Juan die entscheidende Frage, was der Unterschied zwischen ihm und einem Callgirl sei. Seine Antwort war eine messerscharfe Analyse: Die Differenz manifestiere sich vor allem in den Ansprüchen der Kunden. Ein Freier gebe sich kaum Mühe für ein Callgirl, während sich die Frauen für die Treffen mit ihm hübsch machten.

Kein triebgesteuerter alter Herr

Die zweite Art von käuflicher Liebe, die in der Sendung dokumentiert wurde, war angesichts der Überalterung unserer Gesellschaft von besonderer Relevanz. Es ging um Zärtlichkeiten gegen Geld für allein stehende Rentner. Die Sexualbegleiterin Andrea und der 88-jährige Beni erzählten von ihren Erfahrungen. Die beiden entsprachen glücklicherweise überhaupt keinem Klischee: Andrea ist nicht übertrieben gspürig und Beni ist so herzlich und so offensichtlich dankbar für Andreas «Dienstleistungen», dass man nie versucht war, ihn als triebgesteuerten alten Herrn zu sehen.

Er betonte im Gespräch, dass er explizit keine Prostituierte gesucht habe, mit der er Geschlechtsverkehr haben kann, sondern jemanden, der ihn berühre. «Ich brauche Andreas Einfühlsamkeit.» Nach der ersten Begegnung mit ihr sei er «fröhlicher und jünger» gewesen. Gerne hätte man noch erfahren, wie er damit umgeht, dass Andrea ihn nur gegen Geld besucht. Ist er vielleicht sogar ein bisschen verliebt in sie? All dies blieb offen.

Angenehm unverkrampft

Am wenigsten erhellend war schliesslich das Verhältnis von Domina Viktoria zu ihrem Stammkunden Peter. Okay, die beiden machen Sadomaso-Spiele. Mehr darüber zu erfahren, befriedigt natürlich die Neugier der Zuschauer. Aber im Grunde handelt es sich lediglich um typische Prostitution, einfach in einer sexuellen Nische.

Was bei allen drei Paaren auffiel, war der ausgesprochene Pragmatismus: Man hat ein bestimmtes Bedürfnis und schaut, wie man es befriedigen könnte, ohne dass irgendjemand zu Schaden kommt. Das war angenehm unverkrampft.

Die gesamte zweite 3-teilige Staffel von «Liebesleben» dreht sich um spezielle sexuelle Vorlieben. In der nächsten Folge redet Eva Nidecker mit einer Frau, die im Internet eigene Pornos anbietet, mit einem ehemals Pornosüchtigen und mit zwei jungen Menschen, die erzählen, welche Fotos heutzutage auf Handys herumgeschickt werden. Vor allem Letzteres, vermeintlich banales Phänomen, könnte die meisten Erkenntnisse bringen.

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