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Platzhirschröhren, Zickenkrieg

Der Kiel-«Tatort» mit neuer Borowski-Kollegin ist ein gruseliger Trip in die Vergangenheit des Kommissars und eine Hommage an Hitchcock.

Essen unter alten Feinden: Kommissar Borowski (Axel Milberg, Mitte) brachte Blümchen und Misstrauen mit zum Diner.
Essen unter alten Feinden: Kommissar Borowski (Axel Milberg, Mitte) brachte Blümchen und Misstrauen mit zum Diner.
Das Erste

Die Kieler könnens. Seit 2003 gibt der geborene Kieler Axel Milberg in seiner Heimat einen «Tatort»-Kommissar, der wenig sagt, viel denkt, weit weg wirkt und den Leuten doch direkt auf die Wimpernschläge der Seele schaut – bei seinen Kollegen ebenso wie bei Kriminellen. In «Borowski und das Haus der Geister» lässt er sich, in einer leider etwas verknorzten Szene, sogar auf eine Tote-Seelen-Schau ein. Borowski besucht in dem herrschaftlichen Geisterhaus einen alten Freund und Rivalen, der mit seiner zweiten Frau und den beiden Töchtern aus erster Ehe auf dem Land lebt. Die erste Frau – von der Borowski seinerzeit fasziniert war – verschwand vor Jahren. Hat ihr Mann sie ermordet, wie Kommissar Borowski vermutet? Jedenfalls scheint ihr Geist umzugehen und die zweite Frau zu jagen. Oder leidet diese, als erblich vorbelastete Nervenkranke, schlicht unter Wahnvorstellungen?

Solche Plots kennt man; Drehbuchautor Marco Wiersch lässt Borowskis neuen Side-Kick sogar direkt «Gaslight» zitieren, und auch Hitchcocks «Rebecca» ist klar erkennbar – obgleich Wiersch eine kleine Volte hineinarrangiert hat. Regisseur Elmar Fischer hat all die Horrorquotes ausgekostet und doch gegen den Strich gebürstet. Es beginnt mit einem Nachtmahr: Die junge Ehefrau sieht ihre tote Vorgängerin im Waberlicht, flüchtet, landet in ihrem Zimmer, wo ihr eine Galgenschlinge entgegenbaumelt.

Böse flimmernder Sommer

Dann startet der Film noch einmal: Vögel zwitschern, die Sonne scheint, Borowski fährt, mit herzigem Röschenstrauss ausgerüstet, übers Land und erinnert sich an die verführerische erste Frau. Der Sommer flimmert böse, und unter dem Deckmantel der Freundschaft treten die alten Kämpen aufs Neue gegeneinander an. Platzhirschröhren und Zickenkrieg durchziehen den Film als Leitmotive, gesellschaftliche Fragen müssen für einmal aussen vor bleiben.

So entdeckt man in dem «Tatort» noch etwas anderes als einen solide durchgespielten Genre-Kantengang, der keine Verfolgungsjagden braucht, um spannend zu sein. Nämlich einen Tick Borowski-Biographie samt Stippvisite der Ex-Frau (die etwas überzeugender rüberkommen könnte). Und das alles ist versehen mit dem genau richtigen Mass an Psychologie. Dass auf Borowskis langjährige mysteriös-fragile Assistentin nun zudem eine sportlich-zupackende Jungkommissarin folgt, ist gleichfalls ein schlauer Schachzug. Almila Bagriacik, 1990 in Ankara geboren, machte schon in der vieldiskutierten NSU-Trilogie Eindruck; auch im komödiantischen «Kommissar Pascha». Man traut ihrer Mila Sahin zu, den Kieler «Tatort» aufzumischen, ohne seinen besonderen Charakter zu verwässern. Ein gutes Debüt des neuen Teams.

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