Schawinskis Fälscher-Talk begann mit einem Paukenschlag

Ex-Journalist Tom Kummer verteidigte im SRF einmal mehr seine Interview-Fälschungen – und entlarvt gefakten Text in der «Weltwoche».

Roger Schawinski mit Tom Kummer in der Talksendung «Schawinski».

Roger Schawinski mit Tom Kummer in der Talksendung «Schawinski».

Matthias Lerf@MatthiasLerf

Er habe ein «eher verachtendes Verhältnis zur Gattung Interview», sagte Tom Kummer in der SRF-Sendung «Schawinski», seine Artikel, die im Jahr 2000 als Fälschungen entlarvt worden waren, seien gar kein Journalismus gewesen, sondern «Unterhaltung auf sehr hohem Niveau». Der Autor, der mit Wohnsitz Los Angeles angeblich Stars wie Sharon Stone und Bruce Willis befragte, lebt seit zwei Jahren wieder in Bern. Sein Auftritt am Fernsehen hatte aber kaum den Unterhaltungswert, den er mit seinen Texten anstrebt.

Dabei hatte die Sendung mit einem Paukenschlag begonnen. Ein in der letzten «Weltwoche» erschienener und mit seinem Namen unterschriebener offener Brief mit dem Titel «Lieber Claas Relotius» sei gar nicht von ihm gewesen, sagte er dem verblüfften Roger Schawinski. Im Brief gibt Kummer seiner Befriedigung Ausdruck, nicht mehr der grösste Betrüger im deutschsprachigen Journalismus zu sein. Geschrieben hat ihn, wie Chefredaktor Roger Köppel noch am gleichen Abend gegenüber SRF bestätigte, tatsächlich nicht Kummer, sondern ein «Weltwoche»-Autor. Das sei eine «ironische Persiflage nach Mark Twain gewesen» und kenntlich gemacht worden mit dem Begriff «Fake News», der über der Kolumne stand.

Die Passage zum angeblichen «Weltwoche»-Artikel von Tom Kummer. (Quelle: SRF)

Der Text des Fälschers an den Fälscher war also selber eine Fälschung – der Journalismus treibt weiter seltsame Blüten. Aber Tom Kummer tat in der halbstündigen TV-Sendung wenig, um das spätestens nach der Aufdeckung der Fälschungen von «Spiegel»-Journalist Claas Relotius erschütterte Vertrauen in den Beruf wiederherzustellen. Er wiederholte wie ein Mantra seinen Standpunkt, es sei doch allen – Chefredaktoren, Lesern, Werbern – klar gewesen, dass seine Interviews reine Fiktion waren: Hollywoodstars seien Kunstfiguren, die er mit seinen Texten entlarvt habe. Wer das nicht zu erkennen vermochte, sei selber schuld: «So blöd kann doch niemand sein.»

Auf Schawinskis Einwand, mit den Fälschungen würden er und Relotius zu Wasserträgern derjenigen, die Journalismus generell als «Fake News» bezeichnen, hatte Kummer nur ein kleinlautes «Das ist wirklich ein Problem» übrig. Aber er sagte auch: «Der Vergleich mit Relotius ist falsch». Der habe schliesslich politische Reportagen geschrieben und auch auf der Redaktion direkt Einfluss ausgeübt. Er dagegen habe als Einzelkämpfer das System unterwandert.

Kummer will «brillanten Roman» schreiben

Kummer taugte also wenig als Experte zum Zustand des Journalismus, er nutzte die Sendung vielmehr für Werbung in eigener Sache. Dabei stellte er sich auf die gleiche Stufe wie Tom Wolfe und Truman Capote, die in den 1960er-Jahren den «New Journalism» genannten Reportagestil erfanden. Die hätten aber später brillante Romane geschrieben, konterte Schawinski. Worauf Tom Kummer versprach: «Den werde ich liefern».

Sonst gab es in der Sendung nur Erkenntnisse zu Nebensächlichkeiten: Man erfuhr, dass Kummer unterdessen Präsident eines Berner Tennisclubs ist und in der Nacht als Fahrer arbeitet (für die Recherchen seines neuen Romans, wie er versicherte). Am Tag der Sendung konnte er seinen 58. Geburtstag feiern und ist alles in allem «ziemlich happy». Das war etwas wenig, um einen bis eine halbe Stunde vor Mitternacht wach zu halten. Aber Tom Kummer hatte den Schuldigen in gewohnter Manier sofort ausgemacht. Auf Twitter verbreitete er nach der Sendung: «Schawinski war so harmlos. Fühlte mich unterfordert …»

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