Tödliche Kettenreaktionen

Die HBO-Miniserie «Chernobyl» verdichtet die Ereignisse nach der Reaktorkatastrophe von 1986 zu einer packenden Geschichte über die Kraft des Sachverstands.

Mit Liebe zum Detail: «Chernobyl» wurde in einem ähnlich aufgebauten Kraftwerk in Litauen gedreht. Foto: Liam Daniel (HBO/Sky)

Mit Liebe zum Detail: «Chernobyl» wurde in einem ähnlich aufgebauten Kraftwerk in Litauen gedreht. Foto: Liam Daniel (HBO/Sky)

Pascal Blum@pascabl

Wenn man der HBO-Miniserie «Chernobyl» glaubt, dann bestand ein Problem nach der ­Explosion von Reaktor 4 im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 darin, dass niemand wusste, wer den Schlüssel zum Schrank hat, in dem der gute Dosimeter aufbewahrt war. Gemessen hat man die Strahlendosis stattdessen mit einem Taschengerät. Dieses gab 3,6 Röntgen an, die damals übliche Masseinheit, allerdings ging die Skala einfach nicht weiter, obwohl die Strahlung in Wahrheit um ein Vielfaches stärker war.

Angesichts des Durcheinanders nach der Nuklearkatastrophe ist gerade das, was unwahrscheinlich klingt, wahrscheinlich genau so passiert. Tatsächlich ging der Schichtleiter Alexander Akimow nach der Messung davon aus, dass der Atommeiler nach der Simulation eines Stromausfalls unbeschädigt geblieben war, ein Urteil, das so die sowjetische Entscheidungskette hinauf gemeldet wurde.

Von Märtyrern und Hilflosen

Der TV-Mehrteiler macht aus der Unfallnacht regelrechtes Katastrophenkino, da treffen Nukleartechniker im Kontrollraum unglaubliche Fehlentscheidungen und wird die Bedienungsmannschaft ohne Schutzkleidung ins Reaktorgebäude geschickt, wo die Männer ins dantisch lodernde Nuklearinferno runtergucken. «Chernobyl» erzählt aber vor allem von der Zeit danach, von den Märtyrern und den Hilflosen und den Auswirkungen auf die Menschen in der Region.

Bei allem Rechercheaufwand – «Chernobyl» wurde im Kraftwerk Ignalina in Litauen gedreht, das ähnlich aufgebaut ist, und die Macher haben viel Mühe verwendet auf Ausstattungsdetails – braucht eine Miniserie ja vor allem eine historische Wahrhaftigkeit, muss also die Ereignisse dramatisch konzentrieren.

Es brauchte deshalb einen guten Mann wie den Nuklearphysiker Waleri Legassow, der sogleich riecht, dass alles sehr viel schlimmer ist als angenommen, und auf dem Hinflug auch noch die Vorgänge der Kernspaltung erklären kann (Legassow sprach als Leiter der sofort gegründeten Untersuchungskommission einige Wahrheiten aus, sah sich aber auch gezwungen, die sowjetische Ingenieurskunst zu verteidigen, weshalb die Serie da lieber gleich in den Heldenmythos abbiegt). Geschlechtertechnisch vonnöten war auch die fiktive Figur einer Forscherin, der es eine leichte Strahlendosis ins Büro reinweht, worauf sie sofort selber zu ermitteln beginnt.

Das Unglaublichste ist so gesehen das, was Drehbuchautor Craig Mazin zum Super-GAU noch hinzuerfunden hat, aber man kann das auch anders sehen. Es entstehen nämlich nur so die mächtigen Gefühlsmomente, die «Chernobyl» so fesselnd machen: Wenn sich im ganzen Chaos Legassow hinstellt und in kalter Deutlichkeit vorrechnet, wer noch wie lange zu leben hat. Die Serie wird so zu einer Geschichte von übermenschlicher Vernunft inmitten menschlicher Fehler und ideologischer Dummheiten. Das kann man heute doch gut gebrauchen, vor allem auch, weil «Chernobyl» die Katastrophe und ihre Kettenreaktionen in eine irrsinnige Schaueratmosphäre taucht.

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