Zum Hauptinhalt springen

TV-Kritik: Der Hausfrauenversteher

SF-«Reporter» zeigte gestern den TV-Hellseher Mike Shiva als sympathischen Unternehmer, der vergeblich das Liebesglück sucht, seitdem sein Partner eine Frau bevorzugte.

Mike Shiva, schon der Name alleine lässt viele Leute zusammenzucken. Wenn das braungebrannte rundliche Gesicht mit Stirnband im TV erscheint und einer Anruferin mit treuherzigem Blick «Energie übertragen» möchte, so löst das erst recht Schaudern aus. Die Meinungen sind gemacht: Ein Clown, ein Scharlatan, der gutgläubigen Hausfrauen das Geld aus der Tasche zieht. Reporterin Andrea Pfalzgraf schafft es, das Bild zu revidieren, zumindest ansatzweise.

Denn Mike Shiva ist nicht bloss Wahrsager und Möchtegernindianer, sondern vor allem ein gewiefter Unternehmer. 50 Mitarbeiter beschäftigt sein Hellseh-Imperium. «Bei Shiva arbeiten zu können, bedeutet den Ritterschlag in der Branche», sagt ein Kartenleger, der sich bei Shiva bewirbt. Shiva kauft bei deutschsprachigen Privatsendern Sendezeit ein, er berät vor der Kamera, während im Hintergrund weitere Hellseher ebenfalls Anrufe entgegennehmen. Anrufe kosten Fr. 4.50 pro Minute, das macht pro Stunde 270 Franken, ein lohnendes Geschäft, zumal die Mitarbeiter nur einen Bruchteil davon erhalten. Ein ehemaliger Shiva-Hellseher erzählt, dass er bloss 20 Franken pro effektiv am Telefon verbrachte Stunde verdient habe. Wenn niemand angerufen hat, gabs gar nichts. Allerdings ist dieser Informant nicht unbefangen, wurde er doch entlassen, nachdem Shiva herausgefunden hat, dass er parallel ein Konkurrenzunternehmen aufgebaut hatte.

Das ist auch die einzige kritische Stimme im Film, der sonst Shiva als sympathischen Menschen zeigt, der selber der Esoterik kritisch gegenüber steht und privat mit Liebesproblemen zu kämpfen hat. Wahrsager, die das Todesdatum voraussagen, haben bei ihm nichts zu suchen. Was er macht, ist nicht viel mehr, als mit einsamen Menschen ein nettes Gespräch zu führen und ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Seine Voraussagen sind immer sehr allgemein gefasst und positiv, das Kartenlegen und der andere esoterische Krimskrams scheint bloss Dekoration zu sein. «Ein grosser Prozentsatz ist gesunder Menschenverstand, das Hellsehen bloss ein ganz kleiner», gibt er zu.

«Ich schlafe nie alleine»

Also alles harmlos? Keineswegs. Was der Film mit keinem Wort aufgreift, sind die meist weiblichen Anrufer, die ihr ganzes Geld bei solchen Anrufen auf teure Nummern liegen lassen, die sich einlullen lassen von den einfühlsamen Worten der Hellseher und immer wieder zum Hörer greifen.

Auch über «Mike Shivas Imperium» (so der Untertitel des Films), brachte Reporterin Andrea Pfalzgraf wenig in Erfahrung, die Zahlen sind geheim. Dafür erfahren wir einiges über das Privatleben Shivas und erhalten Einblick in seine grosszügige Kitsch-Wohnung. «Ich schlafe nie allein», sagt er vor seinem grossen Bett stehend. Doch schon lange hat keine Frau oder kein Mann mehr das Gemach mit ihm geteilt, sondern nur sein Schosshündchen. Sein letzter Liebespartner war Patrick Gutter, ebenfalls Hellseher und Geschäftsführer von Shiva-TV. Gutter ist mittlerweile mit einer Frau zusammen und hat zwei Töchter, Shiva ist der Götti von einer. Shiva sagt zwar, er sei glücklich – wie sollte er anders –, die Sehnsucht nach einer Beziehung kann er aber nicht ganz verhehlen. Wird er bald jemanden finden? Das weiss Shiva nicht – und zeigt damit bei sich selbst auf, dass das Hellsehen rasch an seine Grenzen stösst.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch