«Wie Buddenbrooks» – «Was für ein Brot?»

Harald Schmidt war Gast in der Champions-League-Expertenrunde bei Teleclub. Was sagte der Ironiker angesichts des hochdramatischen Spektakels?

Die «Teleclub»-Expertenrunde: Urs Meier, Pascal Zuberbühler, Roman Kilchsperger, Harald Schmidt und Marcel Reif.

Die «Teleclub»-Expertenrunde: Urs Meier, Pascal Zuberbühler, Roman Kilchsperger, Harald Schmidt und Marcel Reif.

Philippe Zweifel@delabass

Für viele ist er der grösste deutsche Entertainer überhaupt. Allerdings hat man in den letzten Jahren nicht mehr viel von Harald Schmidt gehört. Zwar gibt er nach wie vor ab und zu Interviews, aber seine kreative Tätigkeit beschränkt sich auf Theatereinsätze und die Rolle als Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle im ZDF-«Traumschiff». Vor ein paar Tagen die Scoop-Meldung: Der Schweizer Bezahlsender Teleclub hat Schmidt als Gast in der Champions-League-Expertenrunde verpflichten können.

Zweimal war er im Einsatz, beim Halbfinal Liverpool - Barcelona und gestern, als Ajax Amsterdam gegen Tottenham spielte. Wir haben Schmidts gestrigen Einsatz angeschaut, wo auch Kommentator Marcel Reif anwesend war – seinetwegen hat Schmidt die Einladung offenbar angenommen, weil er Fan von Reif sei. Bloss: Funktioniert ein Unterhalter von Schmidts Kragenweite im Teleclub-Team, das ausser Reif aus Roman Kilchsperger, Ex-Schiri Urs Meier und Ex-Goalie Pascal Zuberbühler besteht? Oder würden die Schweizer in Ehrfurcht erstarren? Wie würde der Ober-Rhetoriker auf Phrasen wie «das ist halt die individuelle Klasse» reagieren?

«Oranja-Lama» Frank Rijkaard

Zweifel an der Kombination waren auch berechtigt, weil Schmidt selbst im Vorfeld sagte, dass Sport und Humor nicht zusammenpassen würden. Der Sportfan sei absolut ernsthaft und wolle keine Witze über seinen Club oder sonst was hören. Der Start war dann tatsächlich etwas holprig. Kilchsperger fiel Schmidt ins Wort, als dieser über Fussball-Kommentatoren sprach und verriet, dass er den Ton stets abschalte – ausser bei Marcel Reif.

Vielleicht wollte Kilchsperger ja seine Arbeitskollegen schützen. Danach wärmte sich die Runde aber schnell auf, und Schmidts Plauderton sorgte für willkommene Abwechslung zu den analytischen Ausführungen der Experten – zumal er immer wieder politisch unkorrekt reingrätschte. «Oranja-Lama» Frank Rijkaard fehle ihm in der Branche ebenso wie «Gascoigne-Typen, die sich während des Spiels eine Zigarette anzünden.»

Kilchsperger unterhielt sich mit Schmidt schlagfertig auf Hochdeutsch. Manchmal überforderte ihn Schmidt allerdings. Etwa als eine Karikatur besprochen wurde, auf der Tottenhams Trainer von einem Amsterdam-Fan einen Joint gereicht bekommt. Schmidt: «Vielleicht ist da ja nur medizinisches Cannabis …» Kilchsperger überhörte die Ironie und meinte: «Aber das wäre ja fast gesund!»

Der ergriffene Zyniker

Dann wurde die erste Hälfte gespielt, und Amsterdam lag klar vorne. Die Runde überbot sich in der Pause mit Lob für die Holländer. Schmidt griff zu bewussten Überhöhungen: «Ich spüre eine Leichtigkeit des Seins, wenn ich Amsterdam zusehe. Eine Mannschaft in ihrer Maienblüte. Das «Buddenbrooks» des europäischen Fussballs!» Kilchsperger: «Was für ein Brot?» Zum Glück war Schmidt mit Reif bereits etwas am Tuscheln, sodass die Brot-Frage unterging.

«Leute geniesst es, eine solche Mannschaft kriegen wir so bald nicht mehr zu sehen», sagte Marcel Reif und spielte auf die vielen Spieler an, die Amsterdam nach dieser Saison verlassen werden. Er sollte recht behalten – auch wenn er es nicht so gemeint hat: Nach der zweiten Hälfte war Amsterdam ja in allerletzter Minute geschlagen. Weinende Spieler, fassungslose Zuschauer.

Wie würde Schmidt angesichts dieses unironischen und dramatischen Spektakels reagieren? Nun, der Zyniker kann auch anders: «Keine Sparte in der Unterhaltung bietet diese Dramatik, diese Spannung», sagte er nach dem Spiel ganz im Ernst. Wie recht er hat. Und deshalb ist es ganz in Ordnung, wenn wir trotz des lustigen Abends in Zukunft «nur» sportjournalistische Plattitüden präsentiert bekommen.

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