«Wie lesbisch oder nicht lesbisch»

Wie Fussballerinnen in der Schweiz früher teils angefeindet wurden, zeigt ein Beitrag aus dem SRF-Archiv.

Der Beitrag des Schweizer Fernsehens von 1994. (Youtube/SRF)

«Der Verein wird ausgenutzt für das Ausleben von ‹abnormalen Veranlagungen› (lesbisch).»

So zitiert ein Reporter des Schweizer Fernsehens in einem Beitrag den Fussballclub Wettswil-Bonstetten, der aus «Jugendschutzgründen» sein Frauenteam auflöst. Danach tritt der Coach der Herrenmannschaft vor die Kamera und bekräftigt den Entscheid des Vereins: «Ich kläre Sie mal ein bisschen auf. Der Vergleich zwischen Herren- und Frauenfussball ist wie der Vergleich zwischen ‹lesbisch› und ‹nicht lesbisch›. Man kann es nicht vergleichen.»

Das ist 25 Jahre her. Der Beitrag wurde am 8. April 1994 in der Sendung «Quer» gezeigt, heute hat ihn SRF auf Youtube gestellt. Der Reporter verbündet sich darin mit den Fussballerinnen, geht in die Gegenoffensive und setzt zur brachialen Psychoanalyse an: Jubelnde Fussballer, die übereinander herfallen, in einer Szene langt der eine Kicker einem anderen ans Gemächt. Dazu die Stimme aus dem Off: «Nur hier, vor Tausenden von grölenden Zuschauern, darf er seine verborgenen homoerotischen Gefühle ausleben.»

Eine andere Welt

Der Film ist Dokument eines Kulturkampfs, der mittlerweile in ein anderes Stadium übergegangen ist: Heute geht es den Fussballerinnen um die gleiche Aufmerksamkeit und den gleichen Lohn. Damals gings um die simple Möglichkeit, in einem Verein mitspielen zu dürfen. «Wir wurden als Frauen immer belächelt und diskriminiert. Jetzt gibt es die Möglichkeit, uns zu wehren – und jemand muss den Anfang machen», sagt eine Frau im Film. Das Frauenteam wehrte sich gegen ihren Vorstand, wollte dessen groteske Argumentation nicht akzeptieren.

«Anfang der 90er stand der Frauenfussball noch ganz am Rand der Gesellschaft», sagt Tatjana Hänni, Frauenfussball-Chefin beim Fussballverband und früher selbst Spitzenspielerin. «Heute ist das komplett anders. Die aktuelle Frauen-WM dürfte, was das Publikum betrifft, als einer der grössten Sport-Events überhaupt in die Geschichte eingehen. Heute spricht man nicht mehr darüber, dass Frauen spielen. Sondern wie sie es tun.»

Fünf Tage nach dem TV-Beitrag erklärte der Fussballverband, die Auflösung des Frauenteams durch den FC Wettswil-Bonstetten sei nicht nachvollziehbar. Die Frauen durften weiterspielen. Bis dahin hatten die Medien vom «Blick» bis zur NZZ über den vermeintlichen Lesben-Skandal berichtet.

lsch

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