Das Gesicht ist auch ein schöner Effekt

US-Regisseur Joss Whedon schenkt dem fantastischen Kino Herz und Witz. In der Comicverfilmung «Avengers: Age of Ultron» findet er, was er immer sucht: den Menschen im Übermenschen.

Von «Toy Story» bis «Avengers»: Die Superhelden-Filme von Joss Whedon. Video: TA
Pascal Blum@pascabl

Ein paar Superhelden sitzen vergnügt um einen Sofatisch. Was tun sie? Sie versuchen reihum, Thors Hammer hochzuheben. Man muss dazu wissen, dass der nordische Gott in der Popcornwelt des Comicverlags Marvel der Einzige ist, der ihn schwingen kann. Die anderen sind des Hammers unwürdig: The Hulk, der gequälten Monsterseele, die alles kaputtmacht (Mark Ruffalo), gelingt es nicht, ihn hochzuwuchten. Iron Man, der Playboy der Rüstungstechnik (Robert Downey Jr.), scheitert ebenfalls. Black Widow, die Schlangenfrau mit Kindheitsschmerz (Scarlett Johansson), macht beim phallozentrischen Unsinn gar nicht erst mit. Captain America, der geschniegelte Spassverderber (Chris Evans), zerrt am Stiel – da wackelt der Hammer für einen kurzen Moment. Thor (Chris Hemsworth) reisst die Augen auf, dann grinst er die Konfusion mit einem breiten Grinsen weg. Da war er doch kurz erschrocken, aber jetzt ist wieder alles gut und lustig. Sein Lächeln ist der gelungenste Spezialeffekt in «Avengers: Age of Ultron».

Der offizielle Trailer von «Marvel's Avengers: Age of Ultron». Video: Youtube

Man sieht an dieser Szene vielleicht, dass es in der Einöde der Blockbuster­industrie einen letzten Unterschied gibt: den zwischen dem Lebendigen und dem Leblosen. Man kann daran auch erkennen, dass für einen tosenden Superheldenfilm Schauspieler nötig sind, die den menschlichen Schwächen umso schärfere Konturen geben können, je künstlicher der digital errechnete Hintergrund des Übermenschlichen daherkommt. Und man versteht womöglich, dass es für die Gipfelkonferenz der Supermächte in «Avengers» einen Regisseur wie Joss Whedon braucht, der uns nicht mit dem Getöse selbst verblüfft. Sondern der es dazu nützt, Irritationen und Überwältigungen herbeizuführen, die mit dem sozialen Tanz und der seelischen Empfindlichkeit des Lebens zu tun haben. Bei Joss Whedon ist der Mensch der Effekt, der Rest ist bunt-knallige Verpackung.

Das Ausreizen des Genres

«Avengers» beruht auf den Comics von Jack Kirby und Stan Lee und versammelt ein Team von Superhelden, die sonst ihre persönlichen Filmserien wie «Thor» oder «Iron Man» bestreiten und je eigene Vorgeschichten haben. Das Zusammentreffen der erfundenen Pop-Mythologien ist eine kalkulierte Geldmaschine; die erste «Avengers»-Folge (Autor und Regisseur: Joss Whedon) rangiert hinter «Avatar» und «Titanic» als dritterfolgreichster Film der Geschichte.

Zugleich steckt in «Avengers» der Versuch, den Ensemblefilm in den teuersten Dimensionen zu denken und die Digitalität als Spielwiese zu nutzen, in der die Spektakellogik des Kapitals gleichzeitig dekonstruiert und gefestigt wird. Wenn der Wissenschaftler in «Avengers: Age of Ultron» dort im Weg steht, wo gerade ein Hologramm aus der Luft wächst, setzt Whedon einen kleinen visuellen Gag über die Technopotenz des Kapitalismus (und des Kinos), dem die menschliche Unbeholfenheit in die Quere kommt. Joss Whedon kann das besonders gut, das ironische Spiel mit den bestehenden Mitteln, das Ausreizen des Genres, das Ich-nehm-es-auseinander-und-zeig-es-euch-trotzdem.

Auch wenn der neue «Avengers»-Film im Universum der übernatürlichen Kräfte spielt, wirken die Superhelden, als lebten sie als Nichtgötter in unserer Welt. In einer Welt, in der es Pop und Flatscreens und «Avengers»-Filme gibt.Die Metawitze, die die Comicfiguren reissen, die geistreichen und die flachen, sind denn auch Anspielungen für Eingeweihte und zugleich Signale an alle: Ihr müsst dieses sublimierte Sandkastenspiel nicht ernst nehmen, solange es beim grellen Lärm bleibt. Aber ihr dürft es ernst nehmen, sobald die Helden unheldisch trauern oder sanft ­zueinanderfinden. Das ist das Joss-­Whedon-Angebot, es ist kein schlechtes.

Der 1964 geborene Regisseur und ­Comicautor reflektiert seit Jahren die Bestände von Fantastik und Science-Fiction. Er begann seine Karriere als Script-Doctor, der anderer Leute Drehbücher umschrieb. Sein erster Erfolg war die Fernsehserie «Buffy» über eine Vampirjägerin an der Highschool, in der er den Fantasy-Fundus aufs Cleverste verwirbelte und zum ersten Mal eine populäre Erzählung lieferte, in der die Typen des Jocks (die athletische Vampirjägerin) und des Nerds (die mausgraue Streberin) zusammengespannt haben, um das Böse zu besiegen. Später schuf Whedon die Science-Fiction-Serie «Firefly» über eine Gruppe von Freibeutern, die in ­ihrer zerbeutelten Raumschiff-WG von Planet zu Planet fliegen.

Es ist Whedons bislang unübertroffenes Glanzstück von Figurenzeichnung und souveräner Albernheit. Der Sender setzte die Serie allerdings ab, die Fans protestierten, und Whedon konnte die Serie zum Film vergrössern. «Serenity» (2005) war konzentrierter Whedon-Stoff, ein Genregetümmel voll Humor und Wendungen. Mit «The Cabin in the Woods» (2012) verschob er dann noch klug die Tropen des Horrorfilms.

Algorithmus wird Mensch

Damit war er bereit für die Geldschaufel der «Avengers». Diesmal müssen die potenten Weltbeschützer gemeinsam gegen ein Computerprogramm namens Ultron kämpfen, das zuerst das Lied von Pinocchio singt («I’ve got no strings») und darauf eine Gestalt zwischen Mann und Faun annimmt, um die Erde zu zerstören. Erneut eine gewitzte Umkehrung des Whedon-Prinzips, das stets die Fleischwerdung des Algorithmus will, damit aus den Codereihen des Genres etwas entsteht, das zu uns spricht.

Es herrscht dann auch recht viel ­psychologische Gleichberechtigung im Figurengewusel, ein fast psychoanalytisches Stochern in den Traumata gepeinigter Cartoonfiguren. Dazu kommt das Pathos der Weltrettung, und meistens krachen Pixel in andere Pixel. So zusammengenommen will man es wirklich nicht mehr ernst nehmen. Aber dann erlöst uns wieder eine schmissige Whedon-Pointe oder eine stille Whedon-Zärtlichkeit. Es scheint immer schwieriger zu werden, die Marktgesetze mit ­ästhetischem Eigensinn zu überschreiben. Joss Whedon schafft es noch, der Riesenmaschine des Überwältigungs­geschäfts einen eigenen, kindischen Dreh zu geben.

«Avengers: Age of Ultron» läuft ab Donnerstag in vielen Kinos. «Firefly», «Buffy» und «Serenity» gibts auf DVD.

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