«Der perverseste Film, den ich je gesehen habe»

Mathieu Seilers neues Werk «True Love Ways» sorgt beim Publikum für Entrüstung. Am Festival Nifff wird der Film über das dunkle Verlangen einer Frau aber beklatscht werden.

Trailer «True Love Ways». Video: Vimeo/GHP Commercial


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Es war Mathieu Seiler, um den sich damals ein Kreis bildete. Das war 1996 an den Filmtagen in Solothurn, der Moderator fürs Publikumsgespräch war nach der Vorführung von «Stefanies Geschenk» einfach verschwunden. Also lotste Seiler die verbliebenen Zuschauer ins Foyer. Da stand er dann in der Mitte, um ihn bildete sich eine Traube aus Menschen, und einige beschimpften ihn geradeheraus. «Zum Glück hatten sie keine Tomaten dabei», sagt Seiler beim Treffen in Berlin lachend, wo der 41-jährige Filmemacher seit längerem lebt, so wie andere Schweizer Regisseure, Oliver Rihs oder Manuel Flurin Hendry etwa. «Eine Zuschauerin regte sich darüber auf, dass der Film den Selbstmord verherrliche.» Die erotische Darstellung einer Minderjährigen muss manche auch gestört haben, und man nannte «Stefanies Geschenk» einen «perversen» Film.

Dieser verschmitzte Schelm – ein alter Lüstling? «Stefanies Geschenk» wird wohl ein unverstandener Film bleiben, es war Seilers Versuch über die Vorstellungswelt eines 12-jährigen Mädchens. Eine Geschichte von der Flucht in den Traum und vom verbotenen Begehren. Einmal liegt das Mädchen im Bett und wirft sein Gesicht fiebrig hin und her, die Kamera zeigt es von oben. Später lässt es sich ein Todesgift einflössen, man sieht die Zunge, die Lippen. So was ist natürlich unangenehm für einen anständigen Erwachsenen, aber zum Glück kann man sich selber ein Bild machen. «Stefanies Geschenk» war irgendwann im russischen Fernsehen zu sehen, und jemand hat die russisch gedubbte VHS-Aufnahme bei Youtube raufgeladen. Sie zählt mittlerweile über 150'000 Klicks.

Ganzer Film: «Stefanies Geschenk» von 1995 (Video: Youtube)

Der Kreis um Mathieu Seiler hat sich in der Zwischenzeit also vergrössert. Aber immer noch löst der Zürcher Unbehagen aus, zuletzt wieder mit seinem neuen Schauerwerk «True Love Ways». Er zeigte es an den Hofer Filmtagen, nach der Vorführung war wieder ein Gespräch angesagt, da habe eine Zuschauerin aus der hintersten Reihe geschrien: «Das ist der perverseste Film, den ich je gesehen habe. Wie krank muss man sein?» Das sei die erste Frage gewesen, so Seiler. «Darauf meldete sich eine Frau in der ersten Reihe, die sagte nur: ‹Das ist nicht normal. Das ist nicht normal. Sie müssen zum Doktor gehen.›» Was hatte er jetzt wieder angestellt?

So richtig erklären kann sich Mathieu Seiler die Entrüstung selber nicht. Bei «Stefanies Geschenk» habe sie wohl mit dem Lolita-Motiv zu tun gehabt. Und mit der Aussage, dass der Tod für dieses Mädchen schöner ist als das Leben. «Ich war gerade in meiner Buñuel-Phase. Auf meiner inneren Liste stand zuoberst das Wort ‹Anecken›.» Heute stehe die Provokation an dritter Stelle, dafür die Spannung an erster, und das fasst «True Love Ways», einen schwarzweissen Thriller in bester Suspense-Tradition, schon gut zusammen.


«Wie krank muss man sein?» Wie hat dieser ruhige Mathieu Seiler die Beschimpfungen verdient? Foto: Jannis Chavakis (13 Photo)

Romantik und Porno

Eine junge Frau wird da in einen handgestrickten Entführungsplot verwickelt, immer tiefer schlittert sie in den Morast von Verdorbenheit und Blut. Eine Schöne in Bedrängnis, und das Ende ist ein fieser Schock. Es löste wohl auch die Wut im Saal aus. «Immerhin zeigen wir einen romantischen Schluss mit einem Produzenten von Snuff-Pornos, das wurde offenbar als totale Verharmlosung gedeutet.» Immerhin, ja, in Snuff-Filmen werden Menschen vor der Kamera ermordet, und auch wenn solcher Schund ein Mythos bleibt und «True Love Ways» die Gewalt meist nur im Off andeutet, reichte das, um Empörung hervorzurufen.

Aber ist es nicht auch eine Erleichterung? «Dass sich die Leute immer noch provozieren lassen, finde ich beruhigend», sagt Seiler. Und am Neuchâtel International Fantastic Film Festival (Nifff) wird «True Love Ways» ohnehin beklatscht werden. Man schätzt dort die stilsichere Brutalität in den Bahnen des Genres. Der Konnex von Sex und Tod, der Seiler zu faszinieren scheint, ist ein Grundmotiv des Horrorkinos, und je deutlicher die Alpträume, umso fröhlicher das Publikum in Neuenburg.

Gekonnt arrangierte Obszönitäten

Vor zwei Jahren zeigte Mathieu Seiler dort «Der Ausflug», einen No-Budget-Fantasyfilm, in dem sich junge Ausflüglerinnen im Dickicht der unheimlichen Obsessionen verirren. Ein verkehrtes deutsches Märchen war das, hoch suggestiv erzählt, so wie Seiler in «True Love Ways» erneut mit Verweisen an Film noir und Horror spielt. Trotzdem bleibt seine Kunst eigenständig: wegen seines Gespürs für die Grammatik der Bilder, den Tanz der Blicke, das Arrangement der Obszönitäten.

Seiler paart Uneigentliches mit Schrecklichem; er ist da ein ernster Ironiker und ein Fänger der Tagträume. Zum Kino kam er ursprünglich als Autodidakt, abgesehen von einer Hospitanz beim Theatermann Werner Düggelin, der ihn viel gelehrt habe über den Umgang mit Schauspielern. Manche Filme hat er fünfzigmal gesehen, «Psycho» gehört dazu, das sei der Vater von «True Love Ways»; und «Belle de jour» von Buñuel die Mutter, denn jeder Film habe zwei Eltern.

Seilers Spiel mit den bösen Tropen mag manchmal ins Epigonale kippen, doch unsere Erwartungen hebelt er zuverlässig aus. Und verstört selbst Zuschauer, die Genrefilme gewohnt sind. «Horrorfilme können noch so brutal sein, sie zeigen meistens eine klare Aufteilung von Gut und Böse. In meinem Film vermischen sich die Dinge.» Dann entdeckt die Heldin ein ungeahnt finsteres Verlangen in sich. «Ist das provokativ?» Wie mans nimmt, aber vielleicht brachte ja auch jene wunderbar grausige Szene das Publikum auf, in der die Heldin einen abgetrennten Kopf küsst – so zärtlich, wie es unter diesen Umständen eben geht.

Wie krank muss man sein? So krank, um das Böse zu streicheln.

Premiere heute Nacht am Nifff um 1 Uhr, Wiederholung am 7. 7. um 22.15 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2015, 04:51 Uhr

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