Alter, weisser Spielzeugmann

Disney hat nachträglich eine Szene aus «Toy Story 2» herausgeschnitten. Sie zeigt einen #MeToo-Moment – aus heutiger Sicht.

Stinky Pete mit Barbies im Animationsfilm «Toy Story 2». (Screenshot)

Stinky Pete mit Barbies im Animationsfilm «Toy Story 2». (Screenshot)

Martin Zips@SZ

Stinky Pete, man muss es so sagen, ist ziemlich arm dran. Sein gesamtes Spielzeugleben hat er in einer sauerstoffarmen Kiste verbracht. Ausgepackt wurde er nie, das mag ihn zwar für Sammler interessant machen, aber hinter Pappe und Plastik hatte Stinky Pete keine Freunde. Da steht er nun – dick und grimmig, frustriert, mit blauer Latzhose und weissem Bart. Neun verschiedene Sätze könnte er theoretisch sprechen, falls ihn denn endlich jemand an der Kordel zieht. Es zieht aber niemand. Anderes, moderneres Weltraumspielzeug ist bei Kindern viel beliebter. Hätte er die Wahl, am liebsten würde Stinky Pete in ein Museum ziehen.

Und doch! Noch lodert seine Glut! In einer Szene, die im Abspann des Animationsfilms «Toy Story 2» von 1999 zu sehen ist, spielt sich Stinky Pete am Rande der Dreharbeiten vor zwei wunderschönen Barbie-Puppen auf. Berufserfahrung, gute Kontakte, damit kann er vielleicht punkten: «Ich bin mir sicher, dass ich euch eine Rolle in ‹Toy Story 3› verschaffen kann», verspricht er. Und: «Solltet ihr Tipps für die Schauspielerei benötigen, ich bin jederzeit bereit, mit euch zu reden.»

Das Outtake von «Toy Story 2»:

«Ich bin mir sicher, dass ich euch eine Rolle in ‹Toy Story 3› verschaffen kann», sagt Stinky Pete. Quelle: Soundtracks

Outtakes nennt man solche Schnipsel, die auch am Ende von «Bienvenue chez les Ch'tis» zu sehen sind. Bei Animations-Blockbustern wie dem Pixar-Werk «Toy Story 2» (oder Puppenfilmen wie den «Muppets») sind sie natürlich nicht real, sondern lediglich ein weiteres Gag-Feuerwerk einer auch sonst sehr bemühten Autorenschaft.

Ein Greis + zwei Barbies = #MeToo

Nun hat Disney, zu dem Pixar seit 2006 gehört, diese Szene einfach gelöscht. Auf den neuen DVD- und Bluray-Pressungen oder in der Download-Fassung wurde sie schlicht entfernt. Aber warum eigentlich? Eine offizielle Erklärung der Disney Company gibt es dazu nicht, aber sie dürfte klar sein: #MeToo ist ein Grund. Denn was die Goldgräber-Puppe Stinky Piet mit den armen Barbie-Zwillingen da macht, ist letztlich: sexuelle Belästigung. Ein Greis, der versucht, seine angebliche Machtposition auszunützen.

Von den «Toy Story»-Machern mochte das vor 20 Jahren vielleicht noch als heitere Anspielung auf die «Besetzungscouch» etwa des Filmmoguls Harvey Weinstein gedacht gewesen sein. Doch Weinstein steht von September an wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung in New York vor Gericht.

Aus heutiger Sicht kommt hinzu, dass der Regisseur von «Toy Story 2» John Lasseter heisst. Lasseter hatte sich im Herbst 2017 bei seinem Team öffentlich für die eine oder andere «unaufgeforderte Umarmung» entschuldigt. Mittlerweile arbeitet er für eine andere Produktionsfirma. Aus Protest gegen ihn hat die britische Schauspielerin Emma Thompson ihre Sprechrolle in einem Animationsfilm abgesagt.

Nur: Ist Löschen eine Lösung im Kampf gegen Sexismus? Müsste man dann nicht auch die Gedichte Gottfried Benns etwa aus Schulbüchern streichen? (Benn: «Eine Frau ist etwas für eine Nacht. Und wenn sie schön war, noch für die nächste.») Oder die Schriften Martin Luthers? (Luther: «Die grösste Ehre, die das Weib hat, ist allzumal, dass die Männer durch sie geboren werden.») Und wirklich alle, alle James-Bond-Filme verbannen? (007: «Reizendes Mädchen, schmeckt nach Erdbeeren.»)

Frauen im Film als Qualitätsmerkmal

Bereits 1985 hatte die amerikanische Cartoon-Zeichnerin und Autorin Alison Bechdel drei simple Fragen zur Bewertung von Filmen gestellt: 1. Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? 2. Sprechen die Frauen miteinander? 3. Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Der Outtake mit Stinky Piet wäre damit klar durch den Bechdel-Test gefallen. Zudem belegt die Szene die Tatsache, dass männliche Figuren in den meisten Disney-Filmen einen Sprechanteil von mehr als 60 Prozent haben, wie jüngst wieder eine US-Studie gezeigt hat. Im «Dschungelbuch» von 1967 sollen es gar erschreckende 98 Prozent sein (manche Männer dort sind Affen).

Ausnahmen wie bei «Dornröschen» und «Alice im Wunderland» gibts nur selten. Immerhin: Die neue Arielle wird, wie gerade bekannt wurde, auch in der von Disney anvisierten Neuverfilmung eine Frau spielen. Eine dunkelhäutige Frau, die 19-jährige US-Sängerin Halle Bailey.

Wo bleibt da die Moral?

Müsste aber, sollte es wirklich politisch korrekt zugehen, nicht endlich auch der in einer Disney-Filmszene zigarrenrauchende Pinocchio sofort rausgeschnitten werden? Oder der asiatisch schon sehr überbetonte Siamkater, der in «Aristocats» Klavier mit Stäbchen spielt? Oder die fliegenden, barbusigen Höllenweiber aus Disneys «Fantasia»? Wo bleibt da die Moral?

«Den abweichenden Geschmack mit Moral zu bezeichnen», schrieb einmal der grosse Publizist Roger Willemsen in einem filmtheoretischen Essay, «bildet nur die Herrschaftsallüre einer autoritären Kritik, die so tut, als besässe sie ihren Gegenstand, und die ihn so wenig besitzt wie der verfemte Dauerkonsument dieser Filme.»

Ein wenig mehr cinephile Gelassenheit wäre also schon nicht schlecht. Selbst bei einem so miesen Typen wie Stinky Piet. Auf den scheinen die Barbies übrigens nicht gehört zu haben. In «Toy Story 3» ist eine andere Barbie zu sehen. Und die haut dem Ken mal so richtig eine runter.

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