Zum Hauptinhalt springen

Auf der Strecke geblieben

Blautöne und Stimmungswechsel: In Luki Friedens Spielfilm-Zweitling «Tausend Ozeane» – soeben ausgezeichnet mit dem Berner Filmpreis – entpuppt sich eine Reise auf die Malediven als schmerzhafter Trip ins Innere.

Meikel (Max Riemelt) zögert. Eben noch wurde er im väterlichen Autogeschäft der gesamten Belegschaft als Juniorpartner vorgestellt. Doch schon wenig später lässt sich der scheue Blondschopf von seinem Freund Björn (Max Simonischek) zu einem Kurzurlaub auf die Malediven überreden. Die folgende Idylle im Süden währt allerdings nur kurz: Björn weigert sich, wieder nach Hause zurückzukehren, Meikels Familie reagiert verstockt, und in der Garage steht ein zerbeulter Wagen.

Zu schön, um wahr zu sein

Was stimmt nicht in dieser Welt? Die vorwiegend blauen Bilder, die der Thuner Luki Frieden in seinem zweiten Spielfilm «Tausend Ozeane» in den Kinosaal schwappen lässt, sind schlicht zu malerisch, um wahr zu sein. «Das Wasser steht als Symbol des Übergangs in eine Zwischenwelt», erklärt der Regisseur. Und tatsächlich fällt es einem nach einer halben Stunde wie Schuppen von den Augen, weshalb Meikels Urlaubsbilder (mit Ausnahme einer Seehund-Fotografie) alle schwarz sind. Der Grund: Meikel war gar nie auf den Malediven. Was wir sehen, sind Meikels Innenwelten, die mit der Realität nur am Rande oder gar nicht übereinstimmen. «Es war eine Fernsehreportage über ein Mädchen, das monatelang im Wachkoma lag, das mich auf die Idee zu diesem Film gebracht hat», sagt Frieden. «Als ein Hund das Mädchen berührte, fing es plötzlich an zu weinen.»

Laufend neue (Um-)Welten

Unweigerlich erinnert Luki Friedens Film ein wenig an Marc Forsters Psychodrama «Stay». Auch da halluziniert sich jemand laufend neue (Um-)Welten zurecht. Der Unterschied: Während der fiebrig flirrende «Stay» bis zum Schluss in der Schwebe bleibt, erfolgt die Auflösung in «Tausend Ozeane» viel früher, scheint der Bruch mit der Realität radikaler. Aus der chronologischen Erzählung wird bei Luki Frieden eine zerklüftete Aneinanderreihung von Eindrücken.

Hund wird zum Seehund

Diese Szenen, bei denen die Kamera immer eine Spur zu lange drauf bleibt, sind gewöhnungsbedürftig. «Ich hatte mir überlegt, das Hauptthema schon zu Beginn einzuführen. Man hätte das als eine Art Traumsequenz verpacken können», gibt Frieden zu. Er entschied sich dagegen, weil er den Überraschungseffekt nicht verspielen wollte. «Beide Filmhälften sollten formal gleichberechtigt nebeneinander stehen.» Dadurch entstehen verblüffende Übergänge und Verdoppelungen. So kehrt ein Hund am Spitalbett als Seehund auf der Landstrasse wieder. Und Figuren laufen noch und noch aus Meikels Gesichtsfeld.

Indem Frieden das «ozeanische Erleben» seines glaubwürdigen Protagonisten im zweiten Teil ins Zentrum rückt und Worte durch Stimmungsbilder ersetzt, nimmt er in Kauf, dass die Grundspannung des Films nachlässt. Dem Zuschauer bleiben damit zwei Optionen: Er gewöhnt sich schnell an den neuen Grenzerfahrungs-Rhythmus. Oder er stellt sich gleich zu Beginn auf zwei verschiedene Portionen ein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch