Das Lebenswerk eines DDR-Patriarchen

Bruno Ganz spielt im Film «In Zeiten des abnehmenden Lichts» einen DDR-Parteifunktionär, der im Jahr des Mauerfalls seinen 90. Geburtstag feiert. Das schwarzhumorige Kammerspiel lebt von Zeitkolorit und subtilen Dialogen.

«Ein langes Leben für die Arbeiterklasse» lautet die Überschrift eines Zeitungsartikels, in dem der DDR-Spitzenfunktionär Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) zu seinem 90. Geburtstag gewürdigt wird. Powileit legt den Text ungelesen in eine Schatulle. Dort liegt bereits ein älterer Zeitungsausschnitt, der einen verdächtig ähnlichen Titel trägt: «Ein Leben für die Arbeiterklasse».

Die Redaktion hatte offensichtlich keine Zeit, einen neuen Artikel über Powileit aufzusetzen: Wir sind im Herbst 1989, und schon bald wird die DDR Geschichte sein. Powileit selbst ist nur noch ein Relikt, sein stalinistisches Lebenswerk war für die Katz, und die an seiner Feier auftauchenden Gratulanten sind vom Staatsapparat herbeigeorderte Heuchler. Niemand weiss das besser als Powileit selbst.

«In Zeiten des abnehmenden Lichts» basiert auf dem gleichnamigen Buch von Eugen Ruge. Während Letzteres ein halbes Jahrhundert abdeckt (und vier Generationen einer Familie auftreten lässt), wurde die Handlung der Filmversion auf einen Zeitraum von rund 24 Stunden zusammengezurrt und spielt grösstenteils in Powileits Villa.

Vieles ist Allegorie

Diese Straffung hat zur Folge, dass nicht alle angeschnittenen Themen und Hintergründe der gezeigten Familienmitglieder vertieft werden können, aber man erfährt in den meisten Fällen genug, um sich selbst einen Reim auf gewisse Dinge zu machen. Etwa warum Powileit befürchtet, von seiner Frau vergiftet zu werden.

Vieles in diesem Film ist Allegorie: Der Zerfall der Familie steht für den Zerfall des Staats. Bezeichnend ist auch, dass die einzige Person, die den Ausziehtisch für die Festtafel richtig hätte aufstellen können, sich in den Westen abgesetzt hat. Energisch hämmert Powileit selbst Nägel in den Tisch: Doch dieser wird nur wenige Stunden später unter der Last der Speisen zusammen­brechen.

Ganz grantelt lustvoll

Solche Anspielungen sind nicht subtil, aber grösstenteils vermeidet es der Regisseur Matti Geschonnek, sich ins Karikatureske zu flüchten. Bis auf Bruno Ganz, der als Patriarch nach Lust und Laune granteln darf, agiert das Ensemble zurückhaltend. Man versteht, warum: Diese Geburtstagsfeier ist bereits von der Ausgangslage her eine Farce – das braucht man nicht zusätzlich zu betonen.

Auch auf der visuellen Ebene wird einem nichts aufs Auge gedrückt: Das Dekor in Powileits Villa ist keine Anhäufung von DDR-Klischees, sondern vermittelt glaubwürdig die Residenz eines verbitterten Mannes, der sein Leben lang sozialistische Ideale und eine strenge Bürokratie vertreten hat.

Überraschend wenig Politik

Es wird dann aber überraschend wenig über Politik geredet. Die geschliffenen Dialoge (sie stammen von Wolfgang Kohlhaase, der bereits zu DDR-Zeiten Drehbücher schrieb) drehen sich nicht um eine gescheiterte Ideologie, sondern um die Gefühle von verbitterten Menschen. Und das macht die ganze Kraft des Films aus.«In Zeiten des abnehmenden Lichts»: Der Film läuft ab Donnerstag im ­Kino.

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