Zum Hauptinhalt springen

Das Zwiespältige zog ihn an

Ob Priester, Schurke oder Druide: Der gebürtige Schwede Max von Sydow beherrschte alle Facetten der Schauspielkunst.

Er gab der Oberfläche Mysterium: Max von Sydow in einer Aufnahme von 2012. Foto: Keystone/Matt Sayles
Er gab der Oberfläche Mysterium: Max von Sydow in einer Aufnahme von 2012. Foto: Keystone/Matt Sayles

Wo beginnen, wenn ein solches Schauspielerleben geendet hat? Mit dem Kreuzfahrer Antonius Block vielleicht, diesem Mann mit dem dornigen Gemüt, der in Ingmar Bergmans «Das siebente Siegel» (1957) mit dem Tod selber ums liebe Leben Schach spielte. Zwar war Blocks Körper zum Gehen bereit, aber das Ich in ihm noch nicht. In ihm und um ihn war alles Überdruss, Sarkasmus und Verzweiflung, aber im Weltekel regten sich noch Reste von Menschlichkeit und zitterndem Glauben. Block spielte mit den weissen Figuren – und verlor, natürlich, weil der Tod keine Fristen erstreckt, weder für Ritter noch für Bauern. Es waren diese Szenen voll metaphysischer Gravität und Heiterkeit, die den Schauspieler Max von Sydow, geboren 1929 im schwedischen Lund, international berühmt machten.

Max von Sydow (Zweiter von rechts) in «Das siebente Siegel» von Ingmar Bergman. Foto: Svensk Filmindustri
Max von Sydow (Zweiter von rechts) in «Das siebente Siegel» von Ingmar Bergman. Foto: Svensk Filmindustri

Immer wieder hat er dann mit Bergman gearbeitet, in Geschichten von Verbrechen und Strafe, von Rachsucht und Vergebung, von Diesseits und Jenseits und den Dämonenreichen dazwischen. In den 60er-Jahren waren das «Die Jungfrauenquelle», «Die Stunde des Wolfs», «Schande» und «Passion». Von seinem Regisseur hat er mit Bewunderung und Freundschaft gesprochen, sogar mit dankbarer Liebe. Sie seien, sagte er einmal, einander verbunden in Geist und Gespräch, über Sterben und Grab hinaus. Da war der alte Freund schon tot, aber noch lang nicht gestorben für Max von Sydow.

Kein Gramm Kitsch im Spiel

Tatsächlich hielt er Bergman für seinen Erschaffer. Was vorher war – die Bühne des «Dramaten» in Stockholm oder die filmische Strindberg-Adaption «Fräulein Julie» –, zählte nicht so recht, und es könnte sein, dass die künstlerische Schöpfungsgeschichte viel Wahres hat. So weit man sich zurückerinnert, schien es einem, als habe Max von Sydow das «Bergmansche», das dann aber ganz «Sydowsch» wurde, am besten gekonnt: zwiespältige Charaktere, die noch komplexer waren, als sie aussahen, wenn sie sich in ihren Widersprüchlichkeiten entfächerten. Im Gram, dem das Licht noch nicht ganz ausgeblasen war; in der kalten Strenge, deren Kern die Existenzangst war; in der zuversichtslosen Zuversicht; auch in der Grausamkeit.

Er hat da oft klug gewählt: Figuren, die gegen ihr eigenes Zerbrechen kämpften. Unter der disziplinierten Kruste seines Barons von Trotta in Axel Cortis «Radetzkymarsch» (1994) böckelte und faulte quasi die Donaumonarchie. In «Pelle, der Eroberer» (1987) von Bille August wurde ihm (als Pelles Vater) die Würde ausgetrieben, er spielte die Würdelosigkeit verständnisvoll und liebenswert, und es war kein Gramm Kitsch in seinem Spiel, das ihm eine erste Oscar-Nomination eintrug.

Max von Sydow als Blofeld im James-Bond-Film «Never Say Never Again» (1983). Foto: PD
Max von Sydow als Blofeld im James-Bond-Film «Never Say Never Again» (1983). Foto: PD

Hollywood und andere ihm zugewandte Orte der Filmindustrie haben Max von Sydow auch gern mit Heiligkeit ausgestattet. Mit Geheimnis des Glaubens und der Hellsicht des Propheten. Er hatte ja diese Begabung, einen mystischen Eindruck zu machen. Das Priesterliche stand ihm gut, welchem Gott er auch diente. Ein paar gute Kämpfe gegen den Teufel hat er jedenfalls gekämpft: Als Jesus Christus in «The Greatest Story Ever Told», seiner allerersten amerikanischen Produktion. Als Pater Merrin in William Friedkins «The Exorcist» sowieso. Er gab der Oberfläche Mysterium, selbst wenn er nicht Kinokunst machte, sondern sich nur redlich nährte. Zum Beispiel auch als Ernst Stavro Blofeld im James-Bond-Film «Never Say Never Again» (1983). 2016 hat man ihn in der Serie «Game of Thrones» wieder sehr beeindruckend sitzen gesehen im Gestrüpp des Wehrholzbaums, der «dreiäugige Rabe» in Erwartung des nahenden Weltenwinters.

Klaus Maria Brandauer, der österreichische Kollege, hat sich übrigens gern an Max von Sydow erinnert, als er in einem Interview über Filmarbeit sprach und über die Gleichzeitigkeit von Würde und Komik. Er erzählte damals, wie er, Brandauer, einmal im bulgarischen Hügelland gestanden sei, als Julius Cäsar gerüstet für den Kampf mit Vercingetorix, «Brustpanzer und Helm, ein Horror» eigentlich. Aber da sei plötzlich Max von Sydow auf ihn zugewatschelt, kostümiert als gallischer Oberdruide, und solch köstliche Skurrilität erlebe man eben nur bei Dreharbeiten.

Seit 2002 war Max von Sydow französischer Staatsbürger, sein Wohnsitz war seit langem Paris, gearbeitet hat er überall, wo Rollen ihn reizten, aber Sommerferien machte er immer noch in Schweden. Am Sonntag ist er im Alter von 90 Jahren gestorben.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch