Der gute Bösewicht

Benicio Del Toro spielte den Drogenbaron Pablo Escobar, die Revolutionslegende Che Guevara und den bissigen Wolfman.

Benicio Del Toro: Als Hollywoodstar trägt er dazu bei, dass kleine europäische Filme wie «A Perfect Day» überhaupt gedreht werden.

Benicio Del Toro: Als Hollywoodstar trägt er dazu bei, dass kleine europäische Filme wie «A Perfect Day» überhaupt gedreht werden.

(Bild: Victoria Will)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Wir warten in einem höhlenartigen Gang, oberstes Stockwerk, und werden auf eine windige Terrasse gebeten. Unten knattern in regelmässigen Abständen Motorboote und Motorräder vorbei. Wir setzen uns in eine stylische Sofaecke, um ein soge­nanntes «talent» zu befragen.

So läuft das am Filmfestival in Cannes. Das «talent» heisst in diesem Fall Benicio Del Toro, ist Oscarpreisträger («Traffic», 2001) und ein Schauspieler, der sowohl im Mainstream- wie im Arthouse-Kino zu Hause ist. Zuletzt war Del Toro, den man den Brad Pitt aus Puerto Rico nennt, im Gangsterfilm «Sicario» oder im Science-Fiction-Spektakel «Guardians of the Galaxy» zu sehen.

Sein gewichtigster Beitrag zur Filmgeschichte ist die viereinhalbstündige Doppelbiografie über Che Guevara («Che»), die er als Hauptdarsteller und Produzent prägte.

Das ganz andere «talent»

In Cannes nehmen bei Interviewterminen zuerst die Jour­nalisten Platz, dann werden die «talents» aus einem Séparée herbeigeführt. Beim Gespräch stellt man dann mitunter fest, dass die Schauspieler gar nicht so imposant wirken wie auf der Kinoleinwand. Bei Benicio Del Toro ist das anders. Ganz anders.

Der Schauspieler sitzt bereits da, versunken in einer Polstergruppe vis-à-vis, und als er sich erhebt und auf einen zusteuert, ist es, als ob sich ein Baum in Bewegung gesetzt hätte. An diesem Menschen ist zunächst einfach alles gross: Lippen, Nase, Augenbrauen. Sogar die Haare wirken massiv. Und wenn Del Toro mit seinen Händen arbeitet, was er während des Gesprächs ausgiebig tut, ist es, als würden Ruderpaddel vorbeischwingen.

«Mister Del Toro, in ‹A Perfect Day› spielen Sie nach vielen Rollen als Bösewicht wieder mal einen ‹good guy›. Wie war das?» – «Gut.» Der Schauspieler streicht sich über die Backe und bohrt in seinem linken Ohr. «Sind ‹good guys› schwieriger zu spielen als Bösewichte?» – «Nein.»

Es folgen weitere Kurzantworten, durchzogen von längeren Pausen, Aahhmms und You-knows. Das Übliche halt, wenn Sprache auf Unlust prallt? Benicio Del Toro klingt wie ein Mann mit Jetlag, der in seinem Leben zu viele Interviews gegeben hat. Oder wie einer, der auf der Leinwand alles sagt, was zu sagen ist. Wie kann man ihn dennoch zum Sprechen bringen?

«Bei Entscheidungen will ich mitreden.»Benicio Del Toro

Das Zauberwort heisst Motivation. «Warum spielen Sie als Hollywoodstar in einem kleinen europäischen Film mit?» – «Es gibt heutzutage viele Filme über Gangster und Polizisten, aber nur wenige, die den Fokus auf Entwicklungshelfer in Krisengebieten legen», sagt Del Toro. «Als ich Ja sagte zu ‹A Perfect Day›, trug dies dazu bei, dass dieser Film überhaupt gedreht werden konnte. Als Schauspieler geht es mir immer um die Geschichte, das ist meine Verpflichtung. Wenn ich einen Hollywoodfilm mache, halte ich stets nach kleineren Filmen Ausschau.»

Apropos Hollywood: Wie stark kann sich ein Star wie Del Toro bei Grossproduktionen wie «The Wolfman» einbringen? Möchte er das überhaupt? «Ja, ich bin einer, der bei Entscheidungen mitreden will. Bei ‹Guardians of the Galaxy› forderte mich Regisseur James Gunn ausdrücklich auf: Sei kreativ! Das war angenehm, in einen Raum eingeladen zu werden, wo ich mitreden durfte. Ich musste nicht mal anklopfen. Bei ‹The Wolfman› hatte ich dagegen gar nichts zu sagen. Ich klopfte an, aber niemand machte die Tür auf.»

Der Schauspieler ist kein Psychologe

Auf einmal ist Del Toro in Fahrt. Die riesigen Hände schwingen, der Mann schwingt mit. «Sie spielen dieser Tage in so vielen Filmen mit wie noch nie. Sagten Sie nicht mal, dass Sie die Schauspielerei reduzieren wollen, um sich intensiver für eine Rolle vorzubereiten?» – «Aahhmm. Sage ich denn jetzt mehr Worte als früher?» – «Könnte man behaupten.» – «Aber jeder Film ist anders, you know. Bei manchen Filmen weiss man nicht mal, ob sie irgendwo auf der Welt überhaupt ins Kino kommen. So wie bei ‹A Perfect Day›. Wenn ich einen solchen Film entdecke, mache ich mich so nützlich wie möglich.» – «Wie?» – «Ich habe gelernt, dass man Entwicklungshelfern, wie ich einen spiele, viel Respekt entgegenbringen muss. Es geht um Liebe. Aahhmm. Und Mitgefühl. You know. Aber ein Psychologe könnte Ihnen das vermutlich besser erklären.»

«A Perfect Day»: Der Film läuft ab Donnerstag, 12. November 2015 im Kino.

Berner Zeitung

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